Was bedeuten #Unteilbardemo und Bayernwahl? Ein paar vorläufige Stichpunkte

Es ist so lustig. Ich wollte eigentlich den ganzen Tag einen Post schreiben, in dem ich auf Raul Zelik und Bini Adamczak eher bewegungslinken positiven Kommentare zu #Unteilbar antworte und versuche einige kritische Rückfragen zu stellen.

Da jetzt die Bayernwahl war und drüben bei den Klassenpolitik-Leuten schon wieder hämisch die Wesser gewetzt werden: „Während es gestern hieß, der Rechtsruck ist vorbei und wir sind jetzt dran. Deutsche Linke analytisch schwache Linke“ „Aber, aber… die DEMO war doch so GROSS!“ Balhorn/Ratko

Das ist so billig und schäbig, dass es einfach wieder richtig wird, sich auf die Unteilbar-Seite zu stellen.

Ich kann kaum glauben, dass das erklärt werden muss: Bayern ist nicht Berlin, ihr Lauchs. Wie kann das überhaupt so undialektisch neben einander geklatscht werden? Als ob die Wahl in Bayern die Berlindemo wiederlegen würde. Oder umgekehrt die Berlindemo die Bayernwahl.

Die gleiche Demo in Bayern würde nicht 240.000 Leute mobilisieren. Und die Berlinwahl ist offensichtlich anders ausgegangen. Es gibt offensichtlich regionale Unterschiede. Das darf doch einfach nicht wahr sein, so etwas erklären zu müssen.

Nun aber zu den Punkten von Raul Zelik (https://www.facebook.com/raul.zelik/posts/1122313461267580), die ich teile. Warum bekommt die AfD so viel mediale Aufmerksamkeit und die Linke nur kaum. Das liegt m.E. nicht nur an den Medien und Kapitalfraktionen, die schon das begünstigen.

Es liegt aber auch daran, die 5.000 Meschen in Chemnitz, die gehen da nicht spazieren, sondern auf Migrantenjagd und gründen Terrorzellen. Die Rechte hat sich unglaublich radikalisiert und bietet dem ganzen Hass eine Artikulation. Im Vergleich dazu ist die DIE LINKE handzahm, sowohl ideologisch als auch in ihren Slogans.

Die Krise 2007f war der Moment für eine starken Antagonismus von links. Dieser Kampf ging verloren und nun sehen wir überall auf der Welt einen Trend für eine rechte bis faschistische Krisenbearbeitung.

Wir stehen übrigens damit nicht nur am Beginn von neuen stahlharten Nationalism oder Faschismen, sondern auch vor Kriegen in neuem Ausmaß. Dieser Punkt scheint mir zumindest öfter zu fehlen.

Natürlich war die #Unteilbardemo keine Organisierung, sondern eine symbolisches Event. Und natürlich gibt es darin viele Probleme. Und natürlich ist das keine Trendwende. Aber es hat auch gezeigt, dass eine linke dezidiert antirassistische Artikulation möglich ist.

240.000 bei einer dezidiert antirassistischen Demonstration. Und die Klassenpolitik-Leute können darüber natürlich nur Scherze machen. Sollen sie mit Aufstehen doch einmal so viele Leute überhaupt nur zu einem symbolischen Event mobilisieren, wo über Klasse gesprochen wird.

Die Aufgabe der politischen Linken ist den angedeuteten Antagonismus zu vertiefen. Es muss gesagt werden: es ist nicht nur der Rassismus der Rechten, sondern auch der des Staates. Erdogan-Deal. Frontex. Usw. Alles tausendmal gesagt.

Wir müssen die Antagonismen vertiefen. Wir müssen den Antagonismus Anti-Sexismus-Patriarchat besetzen. Wir müssen viel radikaler werden. Und uns nicht unter das Bestehende subsumieren lassen. Wir müssen es unmöglich machen, dass Heiko Maas sich als #unteilbar profilieren kann.

Die Mehrheitsgesellschaft, die Kapitalfraktionen, das Patriarchat, müssen vor uns Angst haben. Und wir müssen endlich aufhören uns zu verstecken, aufhören Zugeständnisse zu machen, aufhören unsere Radikalität für vermeintliche Mehrheiten zu opfern, die uns überhaupt nicht wählen.

Das ist doch der springende Punkt. Wenn eh nur 10%+x Linke wählen müssen wir auch nur für 20% de Leute ein radikaleres Angebot machen, um endlich mal was hinzubekommen. Und auf keinen Fall Zugeständnisse machen.

 

Was bedeutet #Chemnitz?

Breaking: Die Sammlungsbewegung „Aufstehen“ verschiebt ihren Starttermin nach vorne und beginnt mit einer antifaschistischen Demonstration in #Chemnitz. Die Volksfront versammelt sich.

Sahra Wagenknecht geht endlich an der Basis AfD-Wähler*innen zurückgewinnen. Sie spricht aber nur die abgehängte weiße Menners an, die nicht den Hitlergruß machen. Fabio De Masi holt seine „Hamburg räumt auf“-Putzsachen wieder raus und räumt die Pyros der Faschos weg.

Die Reformist*innen (im deskriptiven und nicht polemischen Wortsinn) des ISM machen als Reaktion einen antirassistischen #unteilbar-Stand. Thomas Seibert versucht Wolfgang Kubicki für eine wechselnde Partnerschaft zu gewinnen. Achim Szepanzki findet das moralisch verwerflich. Thomas glaubt nicht, dass Achims Position Konsens in der radikalen Linken wäre.

Hans Jürgen Urban verteilt am Karl-Marx-Monument sein 12 seitiges Mosaik-Pdf, wo der alte weiße Mann noch einmal sein akademisch-kulturelles Kapital zur Schau stellen kann. Strategischer Erkenntnisgewinn des Papiers der über den bisherigen Diskussionsstand hinausweist? Paraphrasiert: Rassismus ist das, was weiße Mosaik-Linke im herrschaftsfreien Diskurs als Rassismus heraus deliberieren. (Ich muss das kurz ernsthaft nachfragen: Wird, was *Ausbeutung* ist, dann in Zukunft auch zwischen Arbeiter*innen und Kapitalist*innen herausdeliberiert? Oder ist Rassismus einfach kein polit-ökonomisches Verhältnis?)

In der AK schreiben die Partei- und Bewegungsintellektuellen aneinander vorbei. Ingar Solty: Cäsaristische Situation. Wir müssen für ein #momentum aus Parteiperspektive über eine deutsche Corbyn-Person reden. Raul Zeliks Antwort: Wagenknechts Aufstehen wird eine migrationsfeindliche Wahlliste mit Demokratiedefiziten.

Fiktiver Dialog: Ingar: „Äh, ich gehöre doch auch zum Rixinger-Gewerkschafts-Organizing-Flügel. Die Zeit wird aber immer ärger. Was sagst Du dazu, dass wir die 15 Jahre vielleicht einfach nicht mehr haben?“ Raul Zelik: „Der Staat war nie das Bollwerk gegen das Kapital.“ Ingar: „Über den grundsätzlichen strategischen Dissens über Partei oder Basisbwegung hinaus: Was sagst Du denn jetzt zur cäsaristischen Situation?“ Raul Zelik: „Unser Aufgabe ist es, diese Rechte [der unteren Klassen] zu verteidigen und auszubauen.“ OK, nice talking then!

Ernsthafte Frage: Schließt es sich wirklich aus #aufstehen einen Fehler in der Sache und in der Vorgehensweise zu finden, aber gleichzeitig anzuerkennen, dass Kipping/Rixinger weder das notwendige Charisma noch die Entschlossenheit für die gegebene Situation haben? Dass es aus Parteiperspektive notwendig ist eine Person zu finden, die ein nach Deutschland übersetztes #momentum verkörpern kann? #Momentum verstanden als Sprung in der Basisorganisierung.

(Unabhängig davon sind Rixinger/Kipping nicht auch personalisierten Führungspersonen, die sich medial vermarkten müssen?) Andererseits: Ist es wirklich so schwer Wagenknecht für ihre Inhalte, aber auch ihrer demokratischen Vorgehensweisen zu kritisieren?

Loren hört mit den post-trotzkistischen Luftschlössern auf; und wir fahren zusammen nach Chemnitz. Ich habe keine Panick-Attacken oder Angstzustände. Unterbreche meine Suizidvorbereitung, um etwas ernsthaftes zu Chemnitz aufzuschreiben.

Na gut also dann zumindest letzteres in der Realität:

1. Niemand kann nach Chemnitz mehr bestreiten, dass es einen gesellschaftlichen Protofaschismus gibt. Die Hauptachse und Integrationsfähigkeit dieses Protofaschismus ist Rassismus. Auch das kann niemand mehr bestreiten. Sogar Sahra Wagenknecht sieht sich zur Unliebe ihrer Facebookfollower gezwungen sich klar gegen Rassismus und Pogromstimmung auszusprechen. Der kommende Faschismus ist zunächst und besonders ein migrationsfeindlicher Rassismus.

2. Der Faschismus wird in einer Dialektik zwischen Staatsapparaten und rechter Straßenmobilisierung entstehen. Die Hoffnung auf den starken Staat gegen die Rechten ist vong Kräfteverhältnissen und Verfasstheit „der Exekutiven“ her vollkommen idealistisch. Das, was der rechte Mob sich nur dem Motte „Unser Schlachtruf ist töten“ noch nur erträumen kann, realisiert die Merkel-Politik im Erdogan-Deal an der syrisch-türkischen Grenze und dem projektierten Versuch mit dem „Marshallplan für Afrika“ Internierungscamps im globalen Süden zu bauen.

3. Der Mob ist nur der Buhmann der bürgerlichen Presse, der die herrschende Politik der kapitalistischen Krisenbearbeitung ohne nett-externalisierende Verschleierung exekutiert.

4. Die Intellektuellen der realen Volksbewegung inszenieren sich als Verteidigung des Abendlandes. Die IB sind keine Nationalisten im strengen Sinn, sondern europäische Proto-Faschisten. Das weiße Volk gegen die rassistisch klassifizierten Anderen. Das Volk, dass sich „verteidigt“. Aus einer gegenüber Migrant*innen und Flüchtlingen imaginierten Defensivposition heraus den Bevölkerungsaustausch verhindert.

5. Die Linke bietet dagegen auf dem Papier verschiedenen Variationen der Volksfrontstrategie auf. Mit #Aufstehen eine migrationsfeindliche und mit #unteilbar eine migrationsfreundliche. Anders als im historischen Faschismus muss die Rechte die Arbeiter*innenbewegung erst gar nicht brechen. Die in den kulturindustriellen Kapitalismus integrierten weißen Arbeiter sind weitestgehend passiviert und apathisch. Teile suchen ihr Heil in der opportunistischen Affirmation der rechten Krisenbearbeitung.

6. Das ist in einer gewissen Logik nicht irrational. Denn die AfD verspricht ihnen, dass es für sie langsamer schlechter wird. Für Frauen, Migranten und Schwarze wird es dafür viel schlimmer. Das ist eine effektive Spaltung der subalternen Klassen. Es gibt ein rationales Kalkül für weiße Menners AfD zu wählen. Das ist ein objektiver Fakt.

7. Die Linke muss natürlich Klassenpolitik machen. Aber welche? Anzuerkennen gilt, dass unter den gegebenen gesellschaftlichen Widersprüchen, das Klasseninteresse von Frauen, Migrant*innen und Schwarzen sich stärker herausbildet. Denn die Klasse will nicht abgeschoben werden, will sich frei bewegen können, will nicht unter weiße Mennerherrschaft zurückgestellt werden. Dort werden sich das avancierteste Klassenbewusstsein bilden.

Ich spreche hier für die organischen Intellektuellen der Klassenpolitik extra von harten polit-ökonomischen Rahmenbedingungen und nicht von der Seite einer reproduktionsorientierten feministischen Revolutionstheorie. Das heißt es macht für die Linke objektiv Sinn diese Fragmente der subalternen Klassen besonders zu organisieren.

8. Organisch Intellektuelle der Klassenpolitik wie Nina Scholz mögen vielleicht Zeit haben alles zu organisieren und müssen keine Priorisierungsfragen diskutieren, aber alle normal Sterblichen müssen sich unter endlichen Zeitressourcen die Frage stellen, an welchen Stellen die Klasse sich gegenwärtig am besten organisieren kann. Ein Problem der Linken ist, dass sie größtenteils weiß ist. Weißer als der doitsche Bundesdurchschnitt wahrscheinlich. In Partei und radikaler Linker. Dann ist es natürlich schwieriger ein Gefühl für den Widerspruch zu bekommen.

9. Die kommende Linke gilt es u.a. von Ellwangen, Banlieu-Riots (was waren Banlieu-Riots anderes als antirassistische Kämpfe gegen Internierungslager avant la lettre?), Frauen*streiks her zu denken. Organisierte migrantische feministische Arbeiter*Innenklasse. Das weiße Mosaik gehört ins 20. Jahrhundert und wird mit der gegenwärtigen kapitalistischen Krise und bürgerlichen Gesellschaft unter gehen. Ist es ein Zufall, dass Begriff Mosaik selbst in einer zutiefst bürgerlichen Metaphernkonstellation schwebt?

Was ist revolutionäre Identitätspolitik?

Ich bin jetzt in Frankreich, bei einer sehr lieben Freundin. Sie hat zuletzt etwas sehr, sehr Schlimmes erlebt. Vlt können wir zu einer feministischen Beratungsstelle gehen. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.. Das Patriarchat und Männer müssen abgeschafft werden; und nach der Revolution gibt es feministische Klassenjustiz.

Meine Suizidalität hat sich von einer heißen (die Schmerzen, sind so doll, dass der unmittelbare Suizid als so toller Fortschritt projektiert wird) in eine kalte (die allgemeine depressive Verzweiflung in angesichts der Welt führt zu einer Verminderung der vitalen Funktionen) transformiert. Das fühlt sich dann in etwa so an, als wäre es zuletzt immer der Kopf gewesen, der den schmerzenden Körper noch im Leben halten wollte. Und dann ist es der Kopf der sagt: „auf keinen Fall mehr!“ Auf keinen Fall mehr weiter, auf keinen Fall prospektiv das noch mal alles erleiden. Und das Herz muss sagen, ich würde gerne noch ein bisschen weiter kämpfen.

Ich denke, dass dieser Übergang relativ ungefährlich ist, weil die brennenden Schmerzen einfach in ein dumpfes depressives 18-Stunden-schlafen und auch bei Wachheit-kaum-aufwachen übergehen. Ich denke, der Übergang in die andere Richtung ist der gefährlichere, wenn sich die abgestumpfte depressive Suizidalität mit Energie verbindet. (Wie eine Revolution nicht am tiefsten Krisen-Punkt passiert, sondern wenn es „polit-ökonomisch“ wieder ein „bisschen besser“ wird.) Wenn Verzweiflung, Schock, Lethargie überwunden werden können und sich darin die Kraft für den Suizid findet. Das passiert oft, wenn suizidale Personen in so einer Phase beginnen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer zu nehmen.

* In der letzten Woche wurde mir bewusst, dass ich eigentlich „nur“ noch (depressive) Identitätspolitik (online) mache. Ich bin zwar schon seit letztem Sommer krank, aber ja erst vor kurzem aus der iL ausgetreten und habe mich die ganze Zeit als „zwischen Organisierungen“ verstanden. Da ich aber gar nicht weiß, ob ich überhaupt weiter lebe und wie lange dieser depressiv-suizidale Zustand anhält, ist es nicht falsch, das zu konstatieren. Athur Harris hatte ja schon einmal sehr lieb kommentiert, als ich über den Narzismus-Vorwurf schrieb, dass das auch eine Form des Politischen wäre. (Ich weiß dann gar nicht, was ich auf so etwas zurückschreiben könnte. Weil es ja im Vergleich zu so vielen dummen Kommentaren genau das richtige sagt. Und dann denke ich, dass ich dem unmöglich gerecht werden könnte. Aber eigentlich ist es ja nur schön und toll, dass es so etwas auch gibt!). In jeden Fall bin ich aber ein großer Fan davon, sich darüber bewusst zu sein, was man *eigentlich* tut, was Handlungen und Sprechakte „hinter dem Rücken der Subjekte“ bedeuten. Ich denke, mir geht es primär darum mit der Welt klar zu kommen, mit einer Gesellschaft fertig zu werden, die mich fertig macht usw.

Manchmal geht es mir auch darum, konkrete Solidarität zu organisieren. Wie als mein liebster Mitbewohner wohnungslos wurde, und ich einfach nicht wusste, was ich machen soll. Ein Großteil meiner Posts sind gegenwärtig Auseinandersetzungen mit dem, was mir in der iL passiert ist und mit meinen depressiv-suizidalen Tendenzen. Darin schreibe ich über mein Erleben, und es geht mir auch um subjektive Fragen. Ich denke, ich vermeide Narzismus, Resignation, Einrichten in Passivität usw. ganz gut & so weit es mir möglich ist. (Ich finde persönlich ja, es sollte auch Leute schreiben können, wenn sie gerade kein perfektes, souveränes weiß-männliches Subjekt sind, aber okay). Immer wenn ich schreibe, geht es mir schon so gut, dass ich überhaupt in der Lage bin zu schreiben und dann auch i.d.R. mich diskursiv zu verteidigen und die schlimmsten Formen von Ableismus auch zu thematisieren. — Diese Woche wollte mir mal wieder eine entfernte Bekannte, mit der ich das letzte Mal vor wahrscheinlich über 10 Jahren gesprochen habe, „helfen“. Wer das Schlimmste vermutet liegt sehr richtig. Als ich ihr Hilfsangebot (ein Umzug ins Saarland – also es macht m.E. ohnehin nur begrenzten Sinn einen suizidalen Person in dieser Phase einen Umzug vorzuschlagen – also zusätzlich an dem Ort leben, an dem all die schlimmen originären Sachen passiert sind) zunächst höflich dann wütend abgelehnt habe, meinte sie tatsächlich, dass die „allgemeine Ablehnung von Hilfe“ Teil meiner Erkrankung sei. D.h. sie pathologisiert mich dafür nicht auf ihre absurde Vorstellung von Besserung einzugehen. (Ich würde dafür gerne den Begriff des *sane splaining* einführen, wenn Dir irgendwelche random Leute, die wirklich überhaupt nichts zu Deiner Reproduktion beitragen, erklären wollen, wie du am besten mit deiner langjährigen Krankheit umgehen musst.)

Ich will nicht für andere depressiv-suizidale Personen schreiben. Ich weiß nicht, was sie erleiden müssen. Manchmal bekomme ich ganz schlimme Beklemmungs-Gefühle wenn ich daran denke, dass ich jeden Tag etwa 30 dieser Personen suizidieren. Und viele können vielleicht nicht mehr schreiben. Ich denke, seit ich fast so weit gekommen im Prinzip einen Nachruf auf mich selbst schreiben (ohne dass es narzisstisch ist), oder anders gesagt: einfach darauf vorbereitet bin, nicht mehr leben und schreiben zu können, fühle ich mich schon ein stück weit erleichtert. Weil die Angst, dass nach dem Suizid dumme Sachen über diesen gesagt und geschrieben werden, sich vermindert. Beziehungsweise wird das natürlich auch passieren, aber ich denke, dass ich mich den Menschen, die mir wichtig sind, so weit erklärt haben, dass sie mich trotz einem Unverständnis, wenn sie nicht das gleiche Erleben wie ich, dennoch verstehen können. Und das ist sehr, sehr wertvoll.

Was meine ich mit revolutionären Anti-Ableismus, depressiver Identitätspolitik? Zunächst einmal deskriptiv, dass es nicht um Reformen geht, um depressiv-suizidales Leiden im Bestehenden *lediglich* zu lindern, sondern darum die Frage zu stellen, wie niemand mehr *überhaupt* in so einer Weise an solchen suizidalen Depressionen leiden muss. Und diese Frage sich m.E. nur im Rahmen einer grundlegenden, revolutionären Veränderung der gesellschaftlichen Re-Produktionsverhältnisse beantworten lässt. (Natürlich verschwindet Leid insgesamt nicht nach der Revolution. Vlt gibt es sogar anderes Leiden, tragischere Schmerzen über den Tod von Freund*innen, weil sie sich nicht mehr wegen idiotischen Gewalterfahrungen suizidieren, sondern „tragischer“ sterben. Das Konzept der Tragik müsste ich an einer anderen Stelle ausführen.). Warum ist das Wort Anti-Ableismus sinnvoll? Weil es einen Gesamtkomplex aus Ausgrenzungs- und Gewalterfahrungen begreifbar macht. Warum gebe ich mir überhaupt so viel Mühe das zu erklären, wenn es eigentlich relativ selbstverständlich erscheint, dort zu kämpfen wo man steht und so wie es einem möglich ist?

Weil es bei den organischen Intellektuellen der Klassenpolitik einen m.E. merkwürdig bis absurden „identitätspolitischen Pappkameraden“ gibt. Dieser Pappkamerad rechtfertigt jeden noch so schlechte Klassenreduktionismus. Die implizite Annahme ist, dass es in der radikalen Linken eine identitätspolitische Hegemonie gäbe. Meines Erachtens ist das Gegenteil der Fall. Es gibt in der radikalen Linken einen Konsens in der Ablehnung von Identitätspolitik und Poststrukturalismus, teilweise einen regelrechten Hass darauf und brutale Diffamierung von Queerfeminismus (denen gerne mal gleich Wahnsinn [sic!] unterstellt wird). Ich will hier jetzt nicht konkreter auf diese Debatte eingehen, sondern viel eher nur sagen, dass die Bedeutung dieser Gruppen für die radikale, revolutionäre Linke vollkommen marginal ist. Wie viele revolutionäre Gruppen beziehen sich positiv auf Foucault oder Derrida? Wie viele realen Organisierungsprozesse der radikalen Linken werden abgebrochen, weil weiße Arbeiter etwas sexistisches, chauvinistisches, rassistisches sagen? Wie viele Sammelbände werden von der PC-Tscheka kassiert, weil kaum Frauen darin schreiben? (Auch bei Herausgebern, die ich sehr schätze, kann es gegenwärtig passieren, dass fast nur Menners schreiben, ohne dass das im Vorwort auch nur Erwähnung findet. https://dietzberlin.de/Beck-Stuetzle-Hrsg-Die-neuen-Bonapar…; das ist Realität)

Nun gibt es m.E. tatsächlich schlechte Identitätspolitik, Diversitymanagment etc. Es ist m.E. allerdings ein Kategorienfehler, Linksliberalen mangelnde revolutionäre Praxis vorzuwerfen, weil das eigentlich Problem hier Reformismus lautet. Das heißt, ich würde zumindest einmal eine relevante revolutionäre Gruppe wissen, die eine identitätspolitische Strategie fährt.

Dann größtenteils linksliberalen Diskursen wie #metoo vorzuwerfen, dass sie nicht „revolutionär“ sind, halte ich zumindest für sehr wohlfeil. Und ganz ehrlich, wer in dem „Jammern-auf-hohem-Niveau“[sic!]Text von dem TAZ-Dude zu #metwo keinen problematischen Klassenreduktionismus erkennt, vertritt selbst eine klassenreduktionistische Position, die die Frage nach revolutionärem Antirassismus noch nicht einmal mehr theoretisch stellt. Ich denke, ich wüsste wirklich gerne einmal, was über einen Nebenwiderspruch hinaus überhaupt unter Anti-Rassismus verstehen. (Natürlich meine ich das nicht polemisch sondern als ernste Frage, und habe von Dir, Matthias, wie Du ja weißt, auch eine sehr hohe Meinung); Ich halte es insgesamt aber für falsch 1. jegliche Identitätspolitik in einem Pappkamerad zusammenzufassen und 2. jegliche Kritik an diesem zu hofieren. Es braucht stattdessen 1. revolutionäre Identitätspolitik und 2. revolutionäre Kritik an Identitätspolitik. Das sollte m.E. eigentlich in der revolutionären Linken Konsens sein. Ist es aber leider nicht.

Ich denke der ganze „identitätspolitische“ Pappkamerad fällt in sich zusammen, wenn ein revolutionärer Anti-Ableismus und historisch-materialistischer Feminismus ausbuchstabiert werden. Denn die Reproduktion der „politischen Arbeitskraft“ ist selbst eine politische Frage; und nur wer überlebt, kann ja politische Arbeit machen. Natürlich lasse ich das Argument gelten, dass ich keine revolutionäre Politik mache, weil ich nicht organisiert bin und nur organisierte Gruppen revolutionäre Politik machen können. [Es spielt für mich hier gar keine Rolle; ob ich persönlich als Revolutionär anerkannt werde. Ich glaube jederzeit, dass Nina bessere Politik macht oder halte diese ganze Fragerichtung hier für ziemlich nebensächlich]. Aber faktisch wäre ich ja „krankgeschrieben“, wenn ich noch in der iL organisiert wäre. Und wenn wir jetzt nicht in eine Zeit zurück wollen, in der revolutionäre Politik nur von gesunden weißen Männern gemacht werden kann, müssen wir uns fragen; wer sich wie kollektiv reproduziert und reproduzieren kann. Und zu meiner Reproduktion muss ich eben viel; viel mehr Kraft und Zeit aufbringen als ein durchschnittlicher Aktivist. Schwarze politische Subjekte ohne Aufenthaltsstatus natürlich auch. Ich denke, wenn wir das alle anerkennen, sind wir schon einen ganzen Schritt weiter.

Und dann geht es natürlich darum, diese Probleme nicht als individuelle sondern als Klassenprobleme zu begreifen. Die Klasse ist auch schwarz und leidet unter Abschiebungen. Die Klasse ist auch depressiv und leidet unter Suizidalität. Die unorganisierte „depressive Partei“ umfasst in ihrer „Identität“ 4 Millionen Personen. Es gibt da natürlich ganz andere Probleme, aber seit ich in der Psychiatrie war und dort Solidarität gegen die Leitung/Wâchter organisiert habe, denke ich schon, dass es da ein gewisses Potential gibt. (Das schreibe ich vielleicht noch einmal ausführlicher auf). Und dann muss nur noch das Verhältnis angeschaut werden, in dem genuin antirassistische Themen usw. in der „neuen Klassenpolitik“ unterrepräsentiert werden. Von depressiven Themen und Anti-Ableismus will jetzt gar nicht richtig anfangen. Aber ich denke, man sieht schon; was passieren kann, wenn Leute wie ich ohne Identitätspolitik in der weißen Linken organisiert sind. Ich vertrete jetzt relativ schwache identitätspolitische Positionen, aber ich habe schon eine gewisse Ahnung, wie es zu identitätspolitischen Verhârtungen kommen kann; wie Andere überhaupt keine Lust mehr haben weisen privilegierten Leuten irgendwas zu erklären. Nach manchen dieser Diskussionen muss ich mich auch ganz ehrlich gesagt erst mal ein paar Tage erholen. In früheren Zeiten hätte ich das alles angenommen, okay der Diskussionstil ist halt rauer und ich kann das nicht; aber jetzt sage ich einfach dazu, wenn das für mich nicht geht.

Ich denke, dass die Misere der Linken in Deutschland sehr wenig mit identitätspolitischen Positionen wie meinen zu tun hat und sehr viel mit den Fehlern der weißen Klassen-Linken im 20. Jahrhundert. Von Noske bis Schröder, Kriegskrediten bis Harz 4 der Niedergang der Linken mit der Geschichte der SPD und weißen Arbeiterbewegung korreliert. Also schematisch gesagt eine Geschichte des Scheiterns des Reformismus ist. In der radikalen Linken in den letzten 50 Jahren mehr mit den Fehlern der Strategie „Guerillakampfs in den kapitalistischen Zentren“ und Terrorismus der RAF zu tun hat, als mit linksliberalen PC-Terror-Unigruppen (wenn es die überhaupt gibt). Raul Zelik sagt weiße Linke hassen Empirie. Ich denke eher sie marginalisieren besonders Gefuehle und Reproduktionsfragen (welche Empirie zählt als Klassenempirie? Zählen die Ängste vor Abscheibungen von schwarzen Arbeitsmigrantinnen? Wer erzählt sie?).

Karl Heinz Dellwo schrieb zuletzt die Linke solle sich von ihren Rachegefuehlen vollkommen frei machen und so kalt-rational strategisch agieren wie die Kapitalseite. Das halte ich für wirklich vollkommen falsch. Die Linke braucht emotionalen Klassenhass, Empathie, gute intersubjektive Gefühlspraxis. All das was der weiss-männlichen Mehrheit suspekt ist. Das es auch anders geht, wie Achim sagt, bezweifel ich nicht.

Das Ende aller Dinge?

Oh zuletzt hatte ich wieder viel Glück, dass ein weißer Mann mir dummer suizidaler Person die Welt erklärt.

So konnte ich unter anderem endlich herausfinden, dass die kritischen Kommentare Antworten auf meine realen Konflikten und Positionierungen gegenüber Machtgefällen in der Linken sind, und kein Produkt von Facebook.

Nach solchen Kommentaren brauche ich immer einige Zeit, um mich zu sortieren weil ich zu perplex bin, was mir darin unterstellt wird. In der Regel entfreunde ich die betreffenden Personen dann, nicht aus bösem Willen oder dergleichen, sondern nur weil ich gerade nicht die Kapazitäten habe, immer wieder auf so etwas zu antworten.

Ich will aber noch einmal versuchen auf gewisse dieser Punkte einzugehen, weil ich, denke ich, aus meinen Erfahrungen ganz andere Schlussfolgerungen ziehe, meine Urteile über radikale Linke wesentlich anders sind, ich mein Leben anders begreife.

Facebook zeigt einen sehr kleinen Ausschnitt einer realen Person. In der Regel, dass was diese Person selbst nach außen kommunizieren will. Dieses Facebook-Profil stimmt aber natürlich nicht mit der realen Person überein.

Nun ist das Facebook der meisten meiner politischen Freunde, so etwas die öffentlich-politische Sphäre. Das heißt dort streiten in der Regel weiße Linke (Männer und weniger Frauen) um politische Fragen. Manchmal werden darin sehr viel männliches Redeverhalten, Rechthaberei, Bedürfnisignoranz eintrainiert.

Die private Spähre der Reproduktion des Lebens spielt seltener eine Rolle. Urlaubsbilder und Post über akademische Errungenschaften rechne ich raus. Manchmal gibt es auf Facebook auch Post zu persönlichem Leiden, der Organisierung von Solidarität usw. Diese Posts mag ich sehr gerne. (In der Form übrigens natürlich auch den Post von Sebastian zu Chauvinismus und auch Gewalterfahrungen in seiner Familie.)

Ich benutze Facebook *normalerweise* wie eine durchschnittliche linksradikale Person. Ich versuche unterrepräsentierte Sachen wie (revolutionären) Antirassismus mehr zu thematisieren, und organischen Intellektuellen die diskursive Facebook-Hegemonie organisieren zu widersprechen, wenn sie unintendierte Diskurseffekte ihrer Positionen vernachlässigen. (Ich interveniere eher selten und nur wenn ich das Gefühl habe, dass die Position, die ich vertrete wirklich sichtbar werden sollte).

Nun habe ich zuletzt viel über meine depressive Suizidalität und ihre Ursachen geschrieben und mir ist vorgeworfen mich „extrem narzistisch“ zu verhalten. Diesem Vorwurf habe ich in meinem letzten Post widersprochen und gesagt, dass ich statt dieser „politischen“ Postings lieber in *normalerweise* politische Organisieurng machen würde.

Das bedeutet nicht, dass ich lieber politische Organisierung machen würde, als mit meinen Freund*Innen ins Arsenal-Kino zu gehen oder im Tierpark zu spazieren. Das bedeutet nur, dass ich mir diese spezifische *Barrikade* des „revolutionären Anti-Ableismus“ nicht ausgesucht habe.

Um es deutlicher zu sagen, meine Anerkennung als privates Subjekt hängt nicht von irgendwelchen Bewegungskadern ab, die mir noch nie eine persönliche Frage gestellt haben, die nicht wissen wie ich lebe oder nur ansatzweise ein Verständnis für mein Privatleben haben.

Ich hatte nie die Erwartung in die iL, dass sie mich privat erfüllt und ganz im Gegenteil waren meine Freund*innen und meine Genoss*innen immer zwei fast vollständig voneinander getrennte Bereiche.

Meine Freund*Innen sind in der Regel linke Akademiker*innen, die ihre Dissertationen zu „Subjekivierungsweisen im affektiven Kapitalismus“ oder zum „Potential performativer Kunst für die Praxis“ schreiben, aber keine revolutionären, organisierten Linken.

Ich mag es sehr gerne mit diesen Menschen privat Zeit zu verbringen. Mein langjähriger Mitbewohner hat einen Flügel und ich mag es so gerne, wenn er Schubert oder Chopin spielt. Sie haben alle Privilegien als weiße kulturelle Elite, sie sind unglaublich gut gebildet, kommen gut zurecht im Leben und sind emotional ausgeglichen.

Aber sie machen in der Regel wenig organisierte revolutionäre Politik. Es gibt manchmal Überschneidungen. Aber aus unserem Freund*innenkreis bin ich die einzige Person, die sich wirklich in dieser Weise für die Praxis interessiert, dass ich der Praxis ein Primat über die Theorie gebe.

Und ich denke gerade die Tatsache, dass die radikale Linke privat für mich eben kein Familienersatz war, dass ich mich lebenswetlich nicht integrieren konnte, dass ich die Szenecodes nicht kenne, war mit ein Grund für die Tribunal-Situation, die ich schließlich erleben musste.

Ich denke aber wie gesagt, dass ich diese Situation gut wegstecken konnte und dass die Dis-Anerkennung der Bewegungskader überhaupt nichts Neues für mich war. Das war ein durchgehender Zustand. Und nur überhaupt weil ich zur Sache commited bin, habe ich immer weiter politische Arbeit gemacht.

Das Schlimme und Retraumatisierende war erst der körperliche Eingriff. Den konnte ich nicht vorhersehen. Das war nicht böse gemeint. Es hat mein Trauma an der schlimmsten Stelle getroffen. Und seit dem leide ich unterträgliche Schmerzen. Depressionen, Panick-Attacken, Angstzustände, Suizidalität und schließlich bilanzierende Suizidalität.

Für die kommentierende Person ist das natürlich ein lustiger Scherz, dass ich glaube, Facebook könnte meine Privatdaten auswerten. Aber de facto hat Facebook letztes Jahr angefangen, Wörter mit Suizidbezug auszuwerten und lokale Stellen zu informieren. Wie ich aber eigentlich schrieb halte ich diese Sorge für überzogen. (Wenn mein Schreiben bei Facebook dazu führt, dass ich zwangsinterniert werde, werde ich meine Meinung ändern.)

Zum Schluss: Ich denke, dass ich mich im letzten Jahr in angesichts aller Schmerzen und schwierigen Entscheidungen weitestgehend verantworlich und besonnen verhalten habe. Ich kann eigentlich nicht mehr in Berlin leben. Ich habe Angst vor einer linksradikalen Gruppe, die aus 200 Personen besteht. (Zahl steht im Verfassungsschutzbericht, ich verrate keine wichtigen Informationen nach außen).

Natürlich gehe ich ohnehin nicht zu Demonstrationen (dort ist ja der Eingriff passiert), oder zu linken Veranstaltungen. Aber auch auf der Straße sieht man sich ja immer oder an der Uni. Und es ist einfach eine krasse Dauerbelastung, die ich einfach nicht mehr aushalte.

Der Rat hat mir jetzt nach über einem Jahr einen 10 zeiligen Brief geschrieben, in dem festgehalten, wird das die tribunalartige Situation keine gute Sache war und niemand glaubt, dass ich ein Agent des Staates bin.

In dem kurzen Gespräch habe ich gesagt, dass sich die Bewegungskader hätten nach dem das alles passiert ist, entschuldigen sollen. Weil mir das wirklich geholfen hätte. Weil sich darin die allerschlimmsten Ängste vor ihnen gelöst hätten. Dass ich nicht eine suizidale Krise erlitten hätte.

Dann dass der Rat hätte ein Gespräch erzwingen soll. Ich weiß, dass es nicht am fehlenden guten Willen liegt, sondern an einem Kompetenz und Zuständigkeitsproblem. Will sagen, der Rat m.E. kein schlechter Ort, nur überfordert. Es hätte in jeden Fall geholfen. Weil ich das nicht mehr konnte von mir aus. Und dieses Gespräch zwischen der Führungskadern und mir aber hätte passieren müssen.

Jetzt ist es vorbei. Ich weiß, dass die Schmerzen nicht aufhören werden. Und dass ich den Zustand nicht mehr ertragen kann und will. Ich weiß zudem, dass mein gesundheitlicher Zustand so fragil ist, dass sich das Trauma in dieser Gesellschaft beständig reproduzieren kann. Wenn sich die suizidale Tendenz durchsetzt habe ich das Versprechen, des Rates, dass es aus der iL keinen Nachruf geben wird. Damit ist die Sache mit dem Rat für mich fertig.

* Julia und ich haben eine Absprache, dass wir mit dem sinkenden Schiff, d.h. der Linken untergehen. In 10 Jahren AfD-Koalitionen, in 20 Jahren gesellschaftlicher Faschismus in Europa, in 30 Jahren erste Vorläufer richtiger Klimaverwüstungen. In 40 das Ende des Interregnums und die Zeit der Fundamentalismen. (Und das sind m.E. noch großzügege Rechnungen). Bis zum Partisanenkampf ist zumindest in den letzten Wohlstandsinseln der Welt (d.h. Doitschland z.B.) noch Zeit einen Unterschied zu machen. Auch dann noch, aber jetzt ist die Situation halt noch offen.

Deswegen lohnt es sich meines Erachtens zu kämpfen und zu organisieren. Und nicht weil die radikale Linke gemein zu einem war, einen Rückzug ins Private anzutreten. Das meine ich zumindest für mich.

** Vielen Dank an alle mir zuletzt Nachrichten geschrieben und Geld geschickt haben. Ich weiß, dass ich einigen noch eine Antwort schulde, schaffe das gerade aber nicht mehr. Ich hoffe ihr seht mir das nach. Es macht in jeden Fall einen Unterschied ums Ganze, Solidarität und Zuneigung zu erfahren, auch wenn sich schließlich die suizidalen Tendenzen durchsetzen sollten. Ich denke, es kommt nicht darauf an wie lange man lebt, sondern wie man lebt, wie man sich zu anderen verhält, was für solidarische Praxis darin aufscheint, was für eine andere Gesellschaft damit antizipiert wird. Auch wenn am Schluss die Organisierung politisch das Entscheidende ist, ist doch die Intersubjektivität Zärtlichkeit/Solidarität etwas so großartiges. (Das ist kein Gegensatz, aber zumindest wie ich es erlebt habe in der Realität doch oft veschiedene Bereiche)

Panik, Precadio, Patriarchat. Weiterschreiben, weiter-leben

Seit längere Zeit hatte ich wieder ein Panik-Attacke. Die Schmerzen sind eigentlich nicht so schlimm, aber in der Situation doch gewissermaßen unerträglich. Die Psyche will sich mit-teilen. Aber sie kann nicht. Kann nicht sprechen. Kann sich nicht mitteilen. Stirbt. Der Körper versucht das auszuhalten. Dich festzuhalten. Macht Schmerzen, damit Du etwas machst. Damit Du irgendetwas machst, um Deine Situation zu überleben.

Zu hassen vielleicht. Die Leute, die für diese Schmerzen mit verantwortlich sind. (Ich verstehe nicht, warum ich die Leute, die mir schlimme Schmerzen zugefügt haben, scheinbar immer noch schützen will. Und nicht darüber schreiben kann, was mir passiert ist.) Die gesellschaftlichen Verhältnisse, die die Gewaltdynamiken produzieren. Am laufenden Band produzieren. (Geldsorgen, Wohnungssorgen, Wohnungslosigkeitssorgen von Freund*innen, ökonomische Sorgen meiner Familie in Nicaragua, Arbeitssorgen, usw.). So dass ‚wir‘ es eigentlich nicht aushalten können. Sodass wir eigentlich daran zu Grunde gehen, auch wenn wir nicht sterben. Abstumpfen, zynisch werden oder aufgeben. (Suizid ist meines Erachtens wirklich nicht das Schlimmste.)

Und dann kommen auch noch so dumme Leute wie D-P Zorn und belästigen Dich mit ihrem phallogozentrischen Logik-Fetischismus. Sie reden immer nur. Reden sehr viel. Weil sie nicht handeln. Weil sie nie Verantwortung für politische Positionen übernehmen. Weil ihnen Leiden, Entfremdung, Ausbeutung egal ist, solange nur richtig argumentiert ist. Weil ihr Wahrheitsbegriff vollkommen abstrakt, unlebendig, tot ist.

Es ist die philosophische Seite des nekropolitisch-heterosexuellen Regimes, das Precadio beschreibt. Hegemoniale Analytische Philosophie ist der Tod des Lebendigen auf Raten. Mit jedem logischen Schluss um seiner selbst willen wird ein Stück mit der Welt Schluss gemacht. Mathematik hat etwas Schönes darin, dass sie reine Logik sein kann. Wird sie auf das ontologische Feld des Historisch-Sozialen produziert, kommen Preisfragen heraus, wie „Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?“ (Deutsche Gesellschaft für analytische Philosophie 2015).

Das Leben wird gezählt. Die „Philosophie“ ist das Instrument der Raiontalitäts-Kulturindustrie. Gegenüber dem realen Leiden und Massensterben diskutieren die Menners in ihrem Armchairs die Frage des „Wie viele?“ ohne Analyse von Kräfteverhältnisse. Sozusagen als todernster Spaß. Intellektueller Zeitvertreib, akademische Kulturindustrie.

Precadio schreibt: „Ich erinnere mich, das erste Mal, als ich mit einem cis-Mann geschlafen habe, kam mir sein Schwanz wie ein sekundäres Objekt vor und seine unfreiwillige Motorik schien mir kein verlässlicher Indikator des Begehrens oder der Erregung zu sein. Im Gegenteil ich hatte das Gefühl, es mit einem Betrugssignifikanten zu tun zu haben, mit einem alten biopolitischen Relikt, dessen Präsenz nur den Ort überschattet, in dem Begehren wirklich stattfindet.“

Hegemoniale Männlichkeit ist dieser Betrugssignifikant. Phallogozentrismus seine akademische Ausprägung. Aber Gott ist tot. Und Menschen immer schon eigelassen in politische Konflikte. Es gibt keine natürliche Ordnung. Es gibt Machtverhältnisse. Machtverhältnisse, die sich verfestigen. Herrschaftsordnungen, die weh tun. Gott, Phallus, Liberalismus, alle tot in ihren Versprechen. Aber virulent als Gewaltordnung. Je toter sie sind, desto mehr Gewalt müssen sie ausüben.

#Metoo. Ich auch. Ich habe auch verstanden, dass Gott tot ist. Dass hegemoniale Männlichkeit tot ist. Dass es daran nichts Begehrenswertes und nichts Begehrendes gibt. Nur tote, tötende Gewalt. Deswegen die Empörung von Jessen et al. Weil sie wissen, dass es eigentlich vorbei ist. Und sie haben Angst, dass sie nicht mehr damit durchkommen. Ihr Betrug ist aufgeflogen. Bald wird ihnen auf die Schliche gekommen. Davor haben sie so sehr große Angst. Deswegen die gespielte Empörung. Deswegen die weinerliche Geste. Weil sie mit „Wut“ von der eigentlichen Angst ablenken soll.

Aber was wenn der männliche Phallus immer nur ein Phantasma war? Und was, wenn das Phantasma zusammenbricht, wenn die Hegemoniekrise des Patriarchats einen bedrohlichen Zustand erreicht? Wo es für Männer nicht mehr ausreicht, sich darüber zu definieren, Frauen zu propertisieren? Kann diese letzte Kränkung wirklich noch hingenommen werden? Nicht nur Erde-Zentrismus, Anthropo-Zentrismus, Logozentrismus – sondern auch Phallogozentrismus aufzugeben? Das Ende der Männer als Mittelpunkt der Gesellschaft. Kann das die Gesellschaft bewältigen?

Kapitalismus als diejenige Formation, die subalterne Klassen konstitutiv spaltet und Hierarchien einzieht, wie Federici sagt. Männer als Strukturkategorie der entfremdeten Lohnarbeit können immer noch über Frauen verfügen. Weiße Subjekte über POCs. Über Körper. Und wenn mit #metoo nein gesagt wird. Laut und vielfältig nein gesagt wird. Dann sagt Jessen: zumindest über Diskurse will ich noch verfügen: „Bitte, bitte nehmt mir das nicht auch noch weg! Denn ich bin schon tot. Gestorben im Ancient regime der hegemonialen Heteronormativität. Die* Andere* interessiert mich nicht. Das Argumente, die Logiken, die Erfahrungen der Anderen, das verstehe ich nicht. Alterität ist der Feind meiner male-narzisstischen Selbstbeharrung.“

Eure Zeit ist vorbei. Die Guillotine steht schon bereit. Aber eure Kastration verhindert nicht eure Lust. Sie befreit euch vielmehr von jenem biopolitischen Relikt, von dem ihr dachtet, dass es Lust sei, aber Gewalt ist. Und setzt Begehren frei. Die Revolution ist etwas, was Solidarität stiftet und Spaß macht. Konstitutiv Spaß machen muss. Oder nur eine Änderung in der Gewaltordnung ist.

Wenn Patriarchat, Maskulinität, Phallogozentrismus im Queer-Kommunismus – Queer-Kommunismus mit und gegen Marx nicht als Zustand, sondern als wirkliche Bewegung, die die jetzigen Geschlechter-Gewalt-Verhältnisse aufhebt – zerschlagen wird, dann ist das etwas wunderbares. Etwas das begehrt werden kann, und Begehren freisetzt. Wirkliche Verbindungen der Lust. Machtspiele statt Sachherrschaft. Kapitalistisches Patriarchat als strukturelle Sachherrschaft des phallischen Regimes über sexualobjektifizierte Reproduktionsarbeit. Sachherrschaft in der Hegemoniekrise. Sachherrschaft, die zu Ende geht, damit ‚wir’ besser leben können werden.

iL farewell.

Vor kurzem bin ich aus der Interventionistischen Linken ausgetreten. Ausschlaggebend dafür waren eher persönliche als politische Differenzen. Nach monatelangen Konflikt waren meine emotionalen Ressourcen vollkommen aufgebraucht –  was ehrlich gesagt eine ziemliche Untertreibung ist. Manchmal fällt es mir noch sehr schwer zu verstehen/anzuerkennen, was da zwischenmenschlich passiert ist, oft kann ich aus Angst nicht nach draußen gehen, an anderen Tage versuche ich viel Alkohol zu trinken, um es besser zu vergessen –  was teilweise erstaunlich viel hilft. (Ich habe noch nie so regelmäßig Alkohol getrunken wie dieses Jahr, ich würde sagen: es hilft schon ziemlich viel beim Welt ertragen. Und bei Kiefergelenkschmerzen:). Ich habe mich intern zu den Vorfällen geäußert und will hier nicht darüber sprechen.

Es gibt auch mehr inhaltliche Differenzen, beziehungsweise strukturelle Gründe für den Konflikt, die ich im Rahmen von einem allgemeinen Strategietext einmal ansatzweise mehr abstrakt-strategisch aufgeschrieben habe – also auch für Außenstehende nachvollziehbar. Der Text wird wahrscheinlich als eine Replik zu Lorens Unterhosen-Text und ironischerweise als Verteidigung des post-autonomen Projekts gegenüber seiner polemischen Kritik erscheinen. Beziehungsweise repräsentiert mein Text eher allgemeine Ideen, die ich unter anderem für die Entwicklung einer postautonomen Linken interessant finde. Kurz gesagt optiere ich für eine offenere Massenorganisation, für transparentere demokratische Verfahren statt informellen Hierarchien und für eine theoretische Klärung und Konfliktorganisation statt pluralistischem Nebeneinander von sich teilweise stark widersprechender Theorie und Praxis.

‚Wir’, linke Theorie-Leute von der Uni (kritische Theorie, Marxismus, Feminismus, Post-Strukturalismus-Seminare) sind ein relativ träges und praxisfernes, politisch weitestgehend apathisches Subjekt. (Bis auf wenige löbliche Ausnahmen in meiner Facebook-Timeline natürlich.:) In jeden Fall reicht es in unserer geschichtlichen Situation nicht aus in dieser Weise TheorieTheorie zu machen (was glaube ich bis 2008 zumindest eine gewisse Plausibilität hatte; bis zum Ende des Endes der Geschichte). Bei Martin Saar und Rahel Jaeggi (die ich, wie alle anderen, gut und im Vergleich zu Honneth einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung finde) oder Iris Därmann (die ich großartig finde) eine Dissertation zu Hegel, Marx, Focuault bestenfalls Federici und Widerstandspraxen im 20 Jahrhundert zu schreiben. Wer das glaubt hat schon verloren. Oder will (un)eigentlich Uni-Karriere machen. (Was auch okay ist, aber dann sollte halt wenigstens gesagt werden, dass es um linksliberale Diskursproduktion geht und nicht um eine revolutionäre Perspektive). Historische Materialist*innen, die glauben, dass es ein Primat der Praxis gegenüber der Theorie gibt, und ein Primat der Organisierung über Diskurse, müssen sich auch selbst organisieren.

Wer sich organisieren will, hat natürlich ganz unterschiedliche Möglichkeiten, zahlreichen Kleingruppen, Basis-Initativen und so weiter. Diese basale Räteorganisation ist vollkommen richtig und wichtig. Und das Projekt diese an der Uni zu verbinden halte ich auch für absolut an der Zeit und spannend. Was ist die Entsprechung des Frankfurter „Unterbau“ in Berlin? Die Frage steht auf der Tagesordnung, und hat mit der „Holm“-Besetzung auch einen organisch, praktischen Ausdruck bekommen. Aber auch wenn dieser Schritt unumgänglich ist, scheint es mir immer doch auch unzufrieden stellend. Natürlich kann man nur auf Basisorganisierung und Massenspontanität setzen und die Parteifrage zurückweisen, auch mit sehr guten Gründen, aber ich glaube dennoch, dass es keinen Weg an dieser Frage vorbei gibt. Ich denke, dass es dazu einen strategischere und nachhaltige Diskussion über die Organisationfrage geben sollte, die die Idee der Mosaik-Linken aufgibt und einen Raum für einen produktiven Konflikt öffnet.

Unterhosen-Sammeln“ ist nichts, was „wir“ [die Linke im weiteren Sinn; im Gegensatz zu theorielinken Studis] gerne und freiwillig machen (sollten), aber es ist in Angesicht der gesellschaftlichen Situation absolut notwendig. Die verloren gegangenen Revolutionen und linken Projekte seit 2008, Rechtsruck/Rassismus-Krise, die sich verschärfende Klimakrise – wir können nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv nicht so „weitermachen, wie bisher“, oder zumindest nicht mehr lange. Und jetzt ist eben noch Zeit. Da würde ich sagen tritt Loren absolut die Situation auf den Punkt. Positiv gesagt: seit 2008 hat sich die geschichtliche Situation wieder fundamental geöffnet. Wir sind die geschichtliche Generation nach dem proklamierten Ende der Geschichte; vom im wortwörtlichen Sinn Albtraum des Realsozialismus befreit, müssen wir die Frage westlich-liberaler oder östlich-bürokratischer Kapitalismus nicht mehr diskutieren und haben ein Gefühl davon, dass es weiter geht, das letzte Wort über westlichen Kapitalismus (Institutionellen Rassismus, post-koloniale Ausbeutungsverhältnisse, Kulturindustrie), „Sozialismus oder Barbarei“ noch nicht gesprochen ist. Wir können das Wort Sozialismus neu prägen. Wir können dabei auf die geschichtliche Erfahrung der revolutionären Sequenzen von 1917 und 1968 als genuiner Speicher für unsere Strategien zugreifen, wie Bini Adamsczak zuletzt beeindruckend vorgeführt hat. Unser revolutionäres Subjekt ist buntscheckiger, unser Parteivorstellungen undogmatischer und anti-autoritärer, unsere Revolutionsvorstellungen reproduktiver. Wir stehen als Spätgeborener auf den Schultern von Riesen, des Marxismus und auch der poststrukturalistischen Kritiken. Theoretischer Feminismus ist grundlegend avancierter und öffnet ganz neue Möglichkeiten des „Denk-, Sag- und Tubaren“, indem Marxismus auf die Füße der Reproduktionsrealität verpflichtet wird. In Bezug auf Anti-Rassismus hat die Praxis in den letzten Jahren krasse Sprünge gemacht, auch bei Leuten, von denen „wir“ das vielleicht nie gedacht hätten. Wobei uns gleichzeitig klar wurde, dass „uns“ andere fernen stehen, als wir vielleicht dachten. Diese Konflikte müssen wir solidarische aber klar und meines Erachtens mit allen Konsequenzen führen.

Natürlich wird mein Text überhaupt keine Form der Polemik. Nichts liegt mir ferner und dafür ist die Lage einfach zu ernst, finde ich. Ich halte die Interventionistische Linke nach wie vor für den fortgeschrittensten Organisierungsversuch und unverzichtbar, geradezu für ‚alternativlos’, was bestimmt ein Grund war so lange mit dem Austritt zu zögern. Außerdem gibt es sehr viele, sehr schlaue und sehr tolle Leute. Und ich hoffe natürlich, dass sie sich langfristig in den Organisationsfragen durchsetzen können und wünsche ihnen alles Gute!

Ich werde mich nach meinen letztjährigen Erfahrungen bestimmt nicht in einer autonomeren Gruppe organisieren. Ich brauche de facto in jeden Fall den „Schutz“ einer institutionalisierten und transparenten Machtstruktur. Was naheliegend erscheint, der Linkspartei beizutreten, will ich aus verschiedenen Gründen nicht: Wahlkampagnenapparat, staatsragend-rassistische Regierungspartei, passivierte Mitglieder*innen, Fraktionsvorsitzende wie Bartsch/Wagnenknecht – nicht weil ich einer linkssozialdemokratischen Partei aus revolutionärem Sektier*innentum nie beitreten würde, sondern weil mir das Projekt derzeit zu unklar erscheint. (Natürlich will ich damit überhaupt nicht sagen, dass es „besser“ ist Texte für die HUCH zu schreiben und kritische  Einführungswochen mit zu organisieren, als den marxistisch-feministischen ‚Flügel’ zu unterstützen. Oder das was z.B. Thiess Gleis oder Raul Zelik in der Vermittlung nach außen machen, nicht sehr sehr wichtig ist. Gerade nicht.)

Es fällt mir deswegen wohl teilweise immer noch schwer meinen Austritt politisch vor mir selbst zu rechtfertigen, aber es ging persönlich einfach nicht mehr. Und ich anerkenne, dass ich andere Grenzen und emotionale Ressourcen habe als vielleicht die* durchschnittlich-gesunde Aktivist*in. Seine eigene Sterblichkeit ernst zu nehmen ist in Castoriadis sozialistischer Demokratie-Theorie ein entscheidender Zug, um zu plausibilisieren, dass Beschränkung auch etwas Gutes sind, geradezu das Politische an sich. Das scheint mir auch sehr einleuchten in Bezug auf die vollkommene Enthemmung der politischen Ökonomie, das Spekulieren auf Nahrungsmittelpreise, die „Weltzerstörung“ und drohende Klima-Katastrophe, den absoluten Zynismus der „Human-Kapital“-Ideologie, das rassistische Massen-Sterben-Machen im Mittelmeer, den permanenten Selbstoptimierungszwang. Vielleicht ist es dann einfach auch okay mal zu sagen, dass ich gewisse Sachen scheinbar nicht kann.

Vielleicht kann ich stattdessen einmal eine längere Zeit bei meiner Familie in Nicaragua verbringen. Eskapismus ist zwar auch keine Lösung, aber der eigentlich steten Traurigkeit der deutschen Verhältnisse zu entkommen, zumindest auf eine gewisse Zeit, ist irgendwie doch eine tröstliche Perspektive. Nicht zynisch zu werden, wenn wir es mit der Sache ernst meinen, ist schon eine schwierige Herausforderung. An manchen Tagen, wenn die depressiven Gedanken schlimm werden, für mich fast unmöglich. Ich denke, dass der Gedanke eines ironischen Verhältnisses zur eigenen Praxis dahingehend unglaublich wichtig ist, sich einfach immer wieder bewusst zu machen, dass jegliche Praxis gegenwärtig defizitär und entfremdend ist (und das vielleicht auch angesichts der Kräfteverhältnisse so sein muss), aber dass sie dem Stand der Kämpfe dennoch angemessen und notwendig sein können. Genau so der Wunsch ganz weit weg zu sein, eben ein Ausdruck von „falschen Bedürfnissen“ (Depressionen, Angstzuständen) ist, aber dennoch „notwendig falschen“ Bedürfnissen als Reaktion auf eine „falsche Gesellschaft“.

Natürlich gibt es in einer befreiten Gesellschaft Konflikte. Meines Erachtens ist Kommunismus gerade nicht ein „befriedete“ (tote) Gesellschaft, sondern es gibt viel bessere, intensivere, produktivere Konflikte – weil niemand mehr Angst haben muss. Wie Adorno sagt schafft die Revolution die gesellschaftliche Angst ab. Weil Konflikte dann produktiv ausgetragen und nicht permanent verschleiert werden, weil sie als Machtspiele und nicht Gewalthandlungen ausgetragen werden. Der Kommunismus ist mit Marx der Anfang der Geschichte, nicht das Ende. Der menschlichen Geschichte als bewusste Gestaltung von geschichtlicher Gesellschaft. „Wir haben zu zeigen versucht, dass der Sozialismus nichts anderes ist als die bewusste Selbstorganisation des Lebens in allen Bereichen durch die Menschen; dass er also die Verwaltung der Produktion durch die Produzent*innen bedeutet, auf einzelbetrieblicher ebenso wie auf gesamtgesellschaftlicher Ebene; dass er die Abschaffung eines jeglichen von der Gesellschaft getrennten Leitungsapparat beinhaltet; dass er einen tiefreichenden Wandel der Technologie und der Bedeutung von Arbeit als grundlegender menschlicher Tätigkeit herbeiführen muss, verbunden mit einer Umwälzung aller Werte, an denen die kapitalistische Gesellschaft sich, implizit oder explizit, orientiert.“ (Castoriadis, Über den Inhalt des Sozialismus)

 

Anti-Depressiva, Kiefergelenkschmerzen und unartikulierte Wut. Gedanken zu absteigenden Mittelklassen, revolutionären Subjekt und produktiver Konfliktorganisation

Die Nebenwirkungen der Anti-Depressiva sind schon arg, neben psychodynamischen Auswirkungen auch auf einer Körper-Ebene einfach ein starker Eingriff in den biochemischen Apparat. Verstärkte Kraftlosigkeit, Erschöpfung, Müdigkeit, Apathie bei gleichzeitiger höherer Anspannung und implizitem Energieüberschuss.

Das verstärkt unter anderem auch psychosomatische Schmerzen. Ich habe schon seit längerer Zeit eine ausgeprägte Form von Bruxismus (Zähneknirschen), was insbesondere das Kiefergelenk und die Kaumuskulatur überanstrengt und auch andere Muskelgruppen im Hals anspannt und beschädigt.

Durch die Nebenwirkungen der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer hat sich diese Problematik in der Weise verstärkt, dass ich den Mund kaum noch öffnen kann. Die sogenannte Kiefersperre führt zu Schmerzen schon bei leichtem Öffnen, insbesondere Kauen und Gähnen sind geradezu albern schmerzhaft.

Mein Facharzt für Kiefergelenkbeschwerden ist ein sehr liebenswürdiger Humanist mit klassischer Bildung und mag immer gerne mit mir Platon sprechen, hat leider aber eine ausgeprägt Aversion gegenüber physiotherapeutischer Behandlung und weigert sich buchstäblich ein entsprechendes Rezept auszustellen.

Ich anerkenne das Machtverhältnis und seine psychologische Blockade, die sich merkwürdigen bürokratischen Ausflüchten manifestiert, dass ein Termin in einer physiotherapeutischen Praxis ohnehin erst in einem Monat stattfinden könnte. Irgendwann bin ich einfach zu müde, diese Art von Konflikten noch zusätzlich zu führen.

Psychoanalytisch betrachtet ist das Zähneknirschen natürlich eine Art Somatisierung von psychischem Stress und in meinem Fall insbesondere auch eine Weise unartikulierte und/oder unartikulierbare Wurt auszudrücken. Wut auf gewaltvolle Verhältnisse und Handlungsdynamiken, denen ich gesellschaftlich und aufgrund von einer ursprünglich traumatischen Situation verstärkt ausgesetzt bin.

Ich weiß, dass ich meinen BaföG-Sonderantrag stellen müsste, um darzulegen warum ich noch nicht mein Studium noch nicht abschließen konnte, bin aber zu angespannt, um mich gerade dem bürokratischen Formalismus auszusetzen. Natürlich ist die Finanzierungsfrage wichtig und ich leider seit langer Zeit unter finanziellen Sorgen, aber es gibt auch wichtigeres.

Ein guter Freund von mir wird nächste Woche wahrscheinlich wohnungslos. Er strugglet seit langer Zeit mit verschiedenen Sachen und die Wohnungslosigkeit zu diesem Zeitpunkt wäre eine weitergehende und einschneidende Verschlechterung seiner Lage. Er ist einer der tollsten, gewaltlarmen und queeren Freunde von mir. Er schreibt wunderschöne Theaterszenen, die nicht veröffentlicht werden, und erstickt in einem Labyrinth aus Lohnarbeit.

Ich weiß nicht, selbst wenn ich kein ‚kommunistisches’ Bewusstsein hätte, denke ich, dass ich auch ‚objektiv’ ein viel größerer ‚Klasseninteresse’ hätte die bestehenden Verhältnisse zu überwinden, als durchschnittliche ‚Arbeiter*Innen’ bei BMW und Thyssenkrupp. Natürlich sind es seit langer Zeit schwierige Fragen, welcher Klasse Student*innen zugerechnet werden und wie das Verhältnis von white und blue-collar workers* sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat.

Ich denke, dass es aber einen objektiven Fakt gibt, dass sich white-collar workers proletarisieren, während sich ihre Arbeitsbedingungen prekarisieren. Natürlich würden ‚wir’ uns wegen unseres kulturellen Kapitals eher zur absteigenden Mittelklasse zählen, aber die Grenzen zu dem, was Marx vielleicht ‚Lumpenproletariat’ genannt hätte, sind doch eher fließend und natürlich sind haben diese Faktoren auch psycho-soziale Effekte auf die Subjektivität von white collar workers.

Depressionen und mental health struggles gerade in ihrer Erscheinung als zutiefst individuelle Krankheiten, scheinen mir als Äquivalent zum fordistischen Komplex aus Schule, Gefägnis autoritärer Psychiatrie der 60er Jahre gedeutet werden zu können. Nämlich als eine Form der Disziplinierung. Diese etwas spektakuläre These müsste ich natürlich einmal etwas genauer argumentieren, aber meine Intuition ist, dass die Depression nicht nur das Nebenprodukt oder der Kollateralschade der ‚neoliberalen Selbstoptimierungsgesllschaft’ (der Begriff müsste soziologisch am Wandel von konkreten Institutionen auch herausgearbeitet werden) ist, sondern in einem foucault’schen Vokabular eben Teil des Dispositiv der Regierungsweisen, dass Arbeiter*innen diszipliniert. UND: Depressionserfahrung als geteiltes Leid können eine Bedigung der Möglichkeit sein für Klassenhass. Gegen die Zurichtungen der Gesellschaftsform des Humankapitals.

Während das fordistischen Modell in Teilen auch in den kapitalistischen Zentren fortbesteht, auch wenn es auch größtenteils in neo- und postkolonialen Konstellationen auf die Peripherie ausgelagert wurde, gibt es gleichzeitig (und ungleichzeitig) ein postfordistisches Disziplinierungsmodell, was Arbeiter*innenklasse und Mittelklasse gleichfalls zurichtet. Der Übergang von geisteswissenschaftlichem Studium, Diliveroo-Raider*innenarbeit, Harz4,  Cloudwork und neuem Niedriglohnsektor scheint mir fließend.

Gerade diese Personen so scheint es mir haben objektiv ein höheres Klasseninteresse als die Industrie-Arbeiter*innen, die noch von den (gewerkschaftlichen) Errungenschaften des historischen Klassenkompromiss im Wohlfahrtsstaat zehren können. Die Frage des revolutionären Subjekt ist seit den 60er Jahre umkämpft. Der Mai 68 als Brennglas dieser epochalen Fragestellung gibt darauf meines Erachtens eine widersprüchliche Antwort.

Nämlich einerseits, dass das fortgeschrittenste revolutionäre Subjekt die Student*innen, Migrant*innen, Frauen und dissidenten Arbeiter*innen waren, nicht das Industrieproletariat. Dass die KPF und die CGT als Repräsentant*innen eine zutiefst regressive und konterrevolutionäre Rolle gespielt haben. Dass als die Machtfrage objektiv auf der Tagesordnung stand und De Gaulle im Hubschrauber Frankreich verließ, die organisierten Arbeiter*innen im entscheidenden Moment quasi die Revolution verhinderten.

Diese Efahrung reflektiert sich in Castoriadis Interview, „warum ich kein Marxist mehr bin.“ Aber auch bei Adorno/Horkheimer in den Studien zum autoritären Charakter und zur Kulturindustrie. Dennoch ohne den Generalstreik wäre keine revolutionäre Situation entstanden. Und ohne das Industrieproletariat wird es auch heute noch in den kapitalistischen Zentren keine Revolution geben können.

Dieser Konflikt über die Aufgabe und den Stand der progressiven Subjekte wird momentan so intensiv diskutiert wie schon lange nicht mehr. Ich habe Freund*innen in beiden Lagern, und denke, dass eine Extremposition ungünstig ist, die Diskussion blockiert. Stattdessen braucht es gerade eine gute, solidarische Organisation dieses Konflikts

Exemplarisch für den Dissens in der Sache kann die Kritik von Ingar an Oxfam und anderen NGOs für ihren ‚liberalen’ Korporatismus und Thomas Antwort, dass die stattdessen vorgeschlagene „Klassen(gegen)macht“ heute bestenfalls ein leerer Signifkant ist, verstanden werden. Das Problem scheint mir zu sein, dass beide Recht haben, dass das reale Eingreiffen des „Industrieproletariat“ von unten in Fragen der antirassistischen Klassen-Kämpfe in postkolonialen Konstellationen noch nicht mal ansatzweise existiert. Dass andererseits ohne dieses Eingreifen die Bemühungen der reformistischen NGOs letztlich in a large scale voluntaristisch bleiben.

Weder Oxfam noch die IG-Metall. Und stärker gesagt auch kein „Mosaik“, ein reformistisches, undialektisches Nebeneinander verschiedener Akteur*innen und Kampffelder ist ausreichend. Nicht nur aus meinen Erfahrungen der letzten Jahre lehne ich die bürgerliche Metapher des „Mosaiks“ ab. (Bis auf den Blog von den Genoss*innen aus Österreich, den ich natürlich wunderbar finde.). Ich denke, es braucht eine strategischere Konvergenz der Kämpfe und insbesondere eine produktiver Konfliktorganisation in den eigenen Reihen in Bezug auf die zentralen Streitfragen.

Das beharren auf der einen oder anderen Position wird dem Ernst der Zeit nicht gerecht. Noch ist Zeit. Aber wir sollten uns nicht mehr zu viel Zeit nehmen. Unter Zeit nehmen verstehe ich ehrlich gesagt auch die die übermäßige Wagenknecht-Kritik. Die Wagenknecht-Lafontaine Position als eine Mischung aus klassischer, nationalstaatsorientierter Sozialdemokratie + neue Form des Populismus in Anschluss an Laclau-Mouffe, spiegelt einer reale Einstellung bei Menschen und eine Strömung in der Linkspartei wider.

Mag sein, dass es innerhalb der Partei unerträglich erscheint ihren Persönlichkeitsfilm und/oder rassistische Provokationen zu ertragen, aber ich denke alle (post-)marxistischen Linken, die es mit der Sache ernst meinen, sich doch darauf einigen, dass es um einen Streit in der Sache geht, und es entweder um eine produktive Konfliktstrategie gehen muss, in der mit Wagenknecht-DeMasi-Flügel ein Kompromiss erzielt werden muss, bei dem die ihr Gesicht wahren kann.

Oder aber es ist unmöglich diese Kompromiss zu erzielen und die innerparteiliche Demokratie sollten versuchen einen Unvereinbarkeitsantrag mit ihren migrationspolitischen Positionen zu erzielen und den Machtkampf so führen, dass ihre Positionen (nicht notwendig die Person, weil die ihre Position ja aufgeben können) formal aus der Partei ausgeschlossen werden.

Ich sage das von außen mit allem Respekt vor den Anstrengungen der Leute, die diese mühselige Arbeit in der Partei dann real-organisatorisch machen. Es geht mir hier viel weniger darum das von außen einzufordern, als zu sagen, dass die Empörung über Wagenknecht nirgendwo hinführt, und das Einschießen auf ihre Person das Spiel der Personalisierung (Stichwort Cäserismus) nur unterstützt. Dafür ist die Lage aber zu ernst. Wie viele Jahre können wir uns diese Art von Kindereien noch leisten, bevor das Interregnum sich ganz geschlossen hat, und die Linke (im weiteren Sinn) Jahrzehnte brauchen wird um wieder nur ansatzweise handlungsfähig zu werden?

 

 

 

 

Suicide, philosophy, goose bumps

In a certain sense even in the attempt of committing suicide my German subjectification was still strongly visible. (Of course there is no escape from your subjectification but long only a long transformation of individual and intersubjective praxis – and a revolutionary process on the scale of society. The revolution can’t be a single event. And the wish for it has to be a “wrong need” as a response to the “wrong society”.)

German in the sense that I had a feeling of super responsibility and orderliness. I think I didn’t want to be buried, but I reflected that it would give a space for grievance, make it easier to connect a place with the pain. Also to make it possible that the “sadness work” (Trauerarbeit) can be more collectively in the sense of funeral as an opening of a shared grievance space. (Maybe this kind of thinking also has depression specific function, has I argued in a previous text more extensively.)

 

To understand the logic of depression is really difficult. The sickness makes you so self-alienated that you are basically not there anyway. My desire within the depression was to be far a way – and to die far away. To hurt no one with my death. To just be vanished. But of course my more rational part of thinking realized that in the end this is just more hurtful. And irresponsible in the sense when you have to make others suffer like this, you should at least do it in the best – or rather least bad – possible way there is.

 

So I reflected about choosing a graveyard. Since I lived in Berlin I always had a slight (non morbid) crush on graveyards. Just because there are so beautiful calm places where the “Partyhauptstadt” is just much more relatable for me. Places where you can think. And be for yourself. And there is the one place that I particularly liked, so I checked on the website for details on funerals and so on.
The next thing obviously is to check money. Because basically nothing in this society moves without money. Not even your dead body into a hole. Actually it’s rather expansive and a lot of older people take up an insurance because they don’t want to bother their relatives with the costs. I knew I couldn’t really pay for that, but at least I talked with my bank about a basic level of loan and selling my shares of the cooperative. I filled out a certificate of authority that my roommate got access to my bank account in the case of death.

My former roommate. One of the best persons and comrades* that I know. Like being able to express this deep wish of not wanting to exist in this society any longer. And not being judged or pushed to the psychiatry. But taken seriously in your suffering and your wish to find a responsible way for your suicide. At the same time strongly disagreeing and giving your space. I guess I could never really describe my gratitude for this non-violent way of treating me in this phase of my life. I don’t know, it’s not usual, but really special.

 

So anyhow I guess we talked about responsibility and fears. And one of his fears was to find just one day a letter in my empty room. And this kind of constant worriedness seemed horrible to me. So that I wanted to finish the process of everything faster and even more clear and transparent.

I still somehow think that the decision to not longer want to live in this society could be a path that (without romanticization) also deepens your friendship*s in the sense that you say farewell in the best possible way. I don’t know, it’s nothing good about that, but just the least bad thing in a horrible situation.

I was grieving about my one death. Your body doesn’t want to die. The instinct of self-preservation was still there on a fundamentally body level. And it’s a horrible experience to impose your will over you body like that. But when you have come to a determination to do it everything seems so much easier. You have a certain kind of a security again, even if it’s only the security that the pain and suffering will be over soon.

 

When my “plan” failed (mainly because I wrote a text about suicide as an explanation letter and argumentative “justification” – and the following suicide intervention), I had the opposite “grievance”. The grievance about still being alive, or rather still be suffering in this society. It’s a totally different form of grievance. A grievance of having missed the point, when you had brought up all your will and have come to a determination. Nonetheless some days I feel like it’s super strange to still be alive. When you already decided everything and “planed” it. (Maybe just kill the German subjectification of plans and responsibility instead?:)

 

I think I wrote the suicide note also to protect the people with whom I had strong conflicts in the last year from having guilt feelings. Obviously people would have guilt feelings and I would have to take up responsibility for that. But maybe I thought I could attenuate them in a way. To write an abstract critique on society and defense of those who can’t cope with it. Without justifying suicide in general. Just take the blame to the structures that we also suffering under.

 

I know the people that I had conflicts with will most likely never recognize nor understand that. Not even slightly I guess. I tried to make my own needs less important and don’t bother others. As a depressed person you need help. But that feels really bad. You don’t want to impose on others. Of course there is that idealist saying others like to help and so on, which is also true. But there are also hard material realities and someone has to pay the rent or you become homeless. And when you start fighting with your friends* about money really emotionally, you realize that being depressed and poor just is just so exhausting. I guess you will only understand the brutality of society if you ever have a real problem and not enough help. (And I’m myself, despite all suffering I’m still ultra privileged within my social contexts of friend*s and comrade*es)

 

This is why “white Germans” (#notallwhitegermans, which basically means there is a concept of “becoming minority” through praxis and not qua birth) can’t truly understand the horror of border regime. And people like Fabio De Masi even speak in the most idealistic bullshit way about that border regimes don’t have to be “misanthropic”. When they are in fact the whole time not only misanthropic but stabilizing capitalism through racist segregation of working class.

I have to admit that a lot of texts of the German left really make me sad. I don’t want to use the word “depressed” here, because it trivializes my experience of depression as a sever sickness, but they are rather frustrating texts. In general, it’s really unhealthy to connect your well-being with discussions within the left, but rather see it as an extra expense that you can participate in when you are already feeling good and are ready for disappointments.

 

In this perspective I’m still most glad that I have a formation in philosophy, ancient Greek philosophy and French philosophy of the 20th. (As a “Post-Post-Marxist” my reception of left Nietzscheism is highly ambiguous nowadays. But I still really appreciate the late Foucault in his concern for ethical questions, the concept of self formation as care and praxis – and “parrhesia”. Also late Derrida is still important for me on an ethical level, the concept of the “irreducible otherness of the other”, the precariousness of understanding and the method of “soft reading”.) So anyhow in a sense I always have this safe space, that I don’t want to give up (even in knowing about the male-phallocentric kind of privilege of this kind of safe space. I just need it really strongly sometimes. Sorry)

 

Why is reading and thinking is so important? I don’t know. It just makes me feel safer. And more at home in a strange place and dark times. I discovered Cioran in my last depression or rather it was recommended by a friend or comrade. And I immediately knew that he is a good companion for depressed times. (And of course a bad companion in a political sense). “’Was ist Wahrheit?’ ist eine grundlegende Frage. Aber was ist sie neben ‘Wie kann man das Leben ertragen’” (‘What is truth?’ is a fundamental question. But what it is next to ‘How can you bear [this] life.). I think his philosophy is mainly grounded in that kind of Nietzschean perspective of “truth to oneself by working through the individual suffering”, but being super hard on Nietzsche for being “too positive” and dogmatic. I think when I red this the first time I had to laugh so hard.

I imagined the Rumanian philosopher, suffering from his sever form of insomnia, getting really mad at Nietzsche’s concept of Zarathustra while walking in the Jardin du Luxembourg. I think most of the times when philosophers get really obsessed and hard with someone else’s work they are basically disappointed. I think for example the whole critique of Castoriadis on Marx is (also!) incredibly influenced by the real development of western Marxism, especially his hate on Althusser and the academically institutionalized Marxism of the time. But then Castoriadis is mainly mad at anyone who is not doing revolutionary theory. (What of course is relatable:) Especially when you see how many structuralists that didn’t believe in a movement like ’68 until it “hit” them, got more successful afterwards instead of the comrades that laid the theoretical groundwork. It’s a sadness of history that even in left theory there is this marginalization of “council communism”.)

 

Anyhow to proof the point on a performativity level: Of course it will be always more interesting to think with and against Cioran to actually dealing with your depressions or suicidal crisis. Also: in thinking theoretically I feel still somehow more French than German, even if I only experienced the actual mode of discussion for a short period of time. I still think it’s good rather then bad. Especially when I see someone like Christoph Menke talk about social questions. The idealism of Frankfurt School epigones is in my point of view rather weak these days.

 

And it makes me still angry what he said at the emancipation conference in the “revolution panel”. I guess he started kind of okay with a critique on Lenin in the sense of economic-determinist Marxism. Then shifting more to a subjective-factor revolutionary perspective. But he took a turn to Schlegel and the transcendental subject in arguing that revolution is mainly a process where the subject is becoming aware of his own mode of production. And that it can change that mode production and disciplining in moment of pure will. And ending in literally saying that “The revolution can happen at any moment.” And “we are already the revolutionary subject.”

 

I’m actually not totally sure if he used the term disciplining. I guess it was rather a concept similar to that. And it’s only my retrospective view which already put it much closer to a Foucauldian framework. I guess Menke who mainly referenced Schlegel would not even go as far as to see the process of subject formation in a materialist framework like the one Foucault uses. Somehow it seems for this armchair white professor philosopher kind of person that everything is a library where privileged subjects can understand their mode of production and change it in an auto-catalytic way.

I really have no clue. There was a person in the audience giving a really good materialist perspective that was focusing on the understanding of wealth production in the 21th. (So not being past orientated and defending Lenin, but looking to the context of subject production today.) I tried to follow her and argue that even within a more idealistic perspective towards revolution there could be material factors of re-production and infrastructures that limit the subjects. That the people at the “revolution panel” for example, “we” are of course not a revolutionary subject, because there is no objective revolutionary situation, within we could actually do a revolution. Menke really insisted that “we already are a revolutionary subject”, without explaining why then the revolution is not actually happening any moment.

 

Anyhow, I think I reached a point where I ask myself if talks like that are productive at all in the sense that some of the 200 people in the room will think more about the concept of revolution. Or rather counter-productive because they might think only about it with an idealistic concept and maybe follow Menke’s romantic Schlegel spleen. At least they could make it more reflexive that they don’t talk about the real word, where people have real problems. I think I would be really okay if “Menke” would do antiracist political work and then speak about “revolution and Schlegel”, but not assuming that he is actually saying anything about real social change. (Of course I don’t speak about the person Menke, who can do what ever he likes, but the public intellectual, who has influence and power.)

 

But then again it’s really funny to imagine Menke standing on Tahir-Square lecturing revolutionary activist that they only have to become aware about their modes of production while facing the police and military. For historical feminist materialists “Menke or Lenin?” is a wrong question. But still a difficult one. As a council communist who would have been most likely shot under bolshevism I tend to die next to an idealist-liberal kind of Frankfurt school epigone that talks about Schlegel. Yes, and no. Of course Russia in the 1920s must have been horrible, really horrible, also no excuse horrible. But then again “subalterns” (I use the term subalterns in quotation marks, since Maria rightfully criticized me for using it too vaguely – still I think it’s the most fitting term to describe heterogeneous subjects that suffer from structural forms of dis-representation in hegemonic discourse. I know it’s vague and maybe a wrong appropriation. Sorry) die all the time here and now, refugees*, people starving in the global south, people killing them*selves. The structural violence is just more invisible, actually also really visible some times. (And for example refugee movements make it more visible just via there movements.)

 

I think people on the left here have the right – and also they should – do beautiful things and theory and aesthetics, but then just declare it like that. No one should feel guilty or anything. The left is failing as a structure and not as a concrete person. Of course sometimes I also get the feeling, that because people like Menke and De Masi are “popular” or “in charge”, we even have a stronger obligation to work harder, to push our perspectives to fight for discursive dominance at least. But then again, also that is idealistic. And of course no one can overstep the power relations that are existing in political or academic fields.

So it’s always a question of organizing and praxis. If we organize better than the “white old men” (not all white men:), we can push our perspectives. Then we can get the hegemony over “critical theory” professor*ships or anywhere. I don’t know if this specifically is useful at all for hegemony fights within the university, but when I think about how many people are influenced by the Menke kind of type and what it could mean if it would be a historical material feminist perspective, it gives me goose bumps. And people that get goose bumps are not dead yet. I like this kind of thought. Also the concept of professor*ship will be abolished. Just saying.

Liebe und Gewalt. Gedanken zur schmerzhaften Dialektik von Anti-Sexismus und Anti-Ableismus

Ich habe Trauma induzierte Depressionen, die sich einstellen, wenn sich die ursprünglich traumatische Situation reproduziert, in der ich emotional missbraucht wurde. Wenn zu starker emotionaler Druck auf mich ausgeübt wird, ordnen sich meine Perspektive, meine Wahrnehmung, mein Erleben unter die Emotionen der anderen Person unter. Psychoanalytisch gesprochen wird die Ich-Instanz durch die emotionale Gewalt zerbrochen und die Depression entsteht als Effekt sich nicht dagegen wehren zu können.

In der Regel ist offensichtlich, dass die andere Person Gewalt auf mich ausübt. Bei meiner vorletzten Depression war das allerdings anders, weil ich selbst als gewalttätige Person modeliert wurde. Jede meiner Depression wird im Denken bestimmt von einer Art „leerem Signifikanten“, oder einer Signifikanten-Konstellation. Und bei der vorletzten Depression war das der Signifikant „Sexismus“. Immer wieder die schlimmsten Gedanken darüber, wie schrecklich sexistisch ich mich verhalte, immer wieder der starke Wunsch nach Selbstzerstörung, immer wieder Suizidgedanken.

Ausgelöst wurde diese Depression durch eine Liebesbeziehung mit einer queerfeministischen Aktivistin, die mir immer wieder implizit oder explizit schlimme Formen von Sexismus unterstellt und abstrakte-allgemeine Urteil über mich getroffen hat. Dabei ist es mit Sicherheit richtig, dass ich beständig Sexismus reproduziere und es geht mir überhaupt nicht darum das in irgendeiner Weise zu relativieren. Sexistisches Verhalten durchzieht die Gesellschaft, und es strukturiert auch diejenigen die dagegen ankämpfen.

Allerdings sind die Unterstellungen und Vorwürfe, die meine Depressionen bestimmt haben, so schwerer Art, dass ich sagen würde, dass sie überhaupt nicht stimmen. Diese Aussage fällt mir immer noch schwer, weil mein feministisches Über-Ich davon ausgeht, dass solche Vorwürfe immer eine gewisse Berechtigung haben und es als Mann mit weniger Frauen*Wissen darum geht, sie zunächst verstehen zu wollen. Dabei handelt es sich konkret aber nicht um eine sinnvolle feministische Prämisse, die sie allgemein zweifelsfrei auch ist, sondern um eine dysfunktionale Rationalisierung von erlittener emotionaler Gewalt in meiner Psyche vor dem Hintergrund meiner Trauma-Erfahrung.

Ich denke, dass die Vorwürfe zwei wesentliche Ausprägungen haben, nämlich einerseits fehlende intellektuelle Anerkennung und andererseits ein Ausnutzen von Sorgearbeit und Sexualität. Verdichtet in der wiederholten Aussage, dass ich die „ganze Beziehung überhaupt nur geführt hätte, um mit ihr zu schlafen“. Natürlich ist das, was in meinem Kopf bei solchen Aussagen abläuft wahrscheinlich wesentlich verschieden vom intendierten Sinn. Die gemeinte Aussage war vielleicht: „Ich fühle mich nicht anerkannt/ ich bin eifersüchtig und verletzt.“ Die Aussage in meinem Kopf war: „Du nutzt mich nur aus. Du bist die schrecklichste Form von Sexist.“ (Ich hatte in Wahrheit eine unglaubliche Treue zu dieser Person und der Beziehung.)

Außerhalb des Gesagten gibt es aber noch eine andere Ebene, nämlich die emotionale. Da hat der emotionale Druck auf meine Psyche eine Art Schock-Erlebnis, Dissoziation und Re-Traumatisierung ausgelöst hat. Aus diesem Grund war ich in solchen Momenten nicht in der Lage zu sagen: „Das stimmt doch überhaupt nicht.“, oder „Ich war mit Dir zusammen, weil ich Dich liebe.“, oder „Das tut mir sehr weh, wenn Du das sagst. Das macht mich hilflos und ohnmächtig und gibt mir ein katastrophisches Gefühl.“ Stattdessen aktiviert es meinen Kopf die schlimmsten depressiven Gedanken, in denen ich mich frage, wie schrecklich ich mich verhalten muss, dass diese Person so etwas sagt.

Der Vorlauf dieser Aussagen war meines Erachtens eine beständige Unzufriedenheit während der Beziehung, die in jedem beliebigen Moment zu einem grundlegenden Zweifel über meine Anerkennung oder Liebe führen konnte. Die verdichtete Aussage dieser Phase ist für mich: „Du wartest nur darauf, dass eine schlauere Person kommt, um mich dann für die zu verlassen.“ Diese Aussagen haben ein so schlimmes Gefühl in mir gemacht, weil ich dachte, dass ich nie gut genug bin, dass meine Anerkennung und Liebe nie zählt, dass es zu jedem beliebigen Zeitpunkt wieder so sein kann, dass alles in Frage steht. Und dass ich daran Schuld bin, dass ich alles anders machen müsste.

(Dass es natürlich so ist, dass mein Verhalten schlecht ist. Dass sie mir den Sexismus nicht erklären muss. Und dass sie aber auch nicht warten kann, bis es mir selbst erklärt habe und besser mache. Aber was hätte ich dann machen sollen? Ich denke, dass es zu diesem Zeitpunkt meine einzige gute Praxis gewesen wäre, zu sagen, dass ich das nicht kann, dass ich eben nicht gut genug bin in bezug auf mein Wissen und meine Praxis. Aber gleichzeitg hatte ich das Gefühl, wenn ich mich leicht distanziere, dass es auch „falsch“ ist. Ich denke, dass ich stärker für mich hätte schauen müssen, dass meine Fähigkeiten und Bedürfniss, dafür einfach nicht reichen. Und es ist niemand Schuld daran. Sie hat legitime Bedürfnisse. Und ich habe Grenzen und bestimmte Fähigkeiten und es geht nicht.)

Es wäre mir wahrscheinlich deutlich leichter gefallen, darauf einzugehen, wenn die Aussage stattdessen gewesen wäre: „Ich fühle mich gerade in dieser Situation intellektuell nicht anerkannt und habe Verlustängste.“ Statt fragen zu können, was gerade das Problem ist oder zu sagen, dass das natürlich vollkommen absurd ist, haben mich solche Aussagen in tiefe depressive Gedanken gestürzt, in denen ich herausfinden wollte, wie schlimm meine patriarchale Gewalt sein muss, dass so etwas überhaupt gesagt wird. Rationalisiert habe ich das für mich oft damit, dass Frauen* nicht nett in der Artikulation ihrer Kritik sein müssen, und ich ein Tone-Policing vornehmen würde, wenn ich sage, dass ich diese Aussage als  gewaltvoll wahrnehme. (Die Aussagen stimmen einfach überhaupt. Ich würde das nie einer Person antun. Und ganz besonders ihr nicht.)

Ich denke, dass die feministischen Punkte, dass Männer zu schnell rumweinen, wenn sie einmal kritisiert werden und dass Frauen* ihre Kritik nicht jedem Typ erklären müssen, allgemein richtig sind. Natürlich wäre es mir albern vorgekommen, in dem Moment, in dem es stimmt, dass ich sie nicht intellektuell anerkenne und lediglich sexuell benutze, dann eine „gewaltfreie Kommunikation“ einzufordern. Aber was ist, wenn es eben nicht stimmt? Was ist wenn die betreffende Person depressiv ist und nur deswegen nicht „gut“ antworten kann, weil sie schlimme emotionale Gewalt erfahren hat und gerade einen dissoziativen Moment durchlebt?

Nun mag es vielleicht Männer geben, die es sogar toll finden, wenn ihre Pater*innen sich intellektuell unterlegen fühlen oder Angst haben verlassen zu werden. Ich habe keinerlei Illusionen mehr über den Sexismus dieser Gesellschaft und das Schreckliche, was sie Frauen* antut. Das heißt ich anerkenne, dass das Misstrauen in Männer in der bestehenden Gesellschaft eine sinnvolle Funktion hat. Aber ich persönlich habe in keiner Weise von ihrer Unsicherheit profitiert, sondern nur darunter gelitten. Und ich finde die Unterstellung, dass ich so etwas tun würde, immer noch so schrecklich. Ich sage das nicht im Spaß oder um mich gut darzustellen, sondern weil mich das 7 Monate schwer depressiv und suizidal gemacht hat und diese Gedanken mich in meinen Depressionen immer wieder terrorisieren und kaputt machen.

Wie komme ich darauf, dass ich meine Depression nur benutzten würde, um gut darzustehen? Das ist eine der schwierigsten Fragen, die ich nicht richtig beantworten kann. Einerseits macht die Depression Dich glauben, dass Du nur ein Versager bist und nach Ausreden suchst. Andererseits hat sie das de facto auch so gesagt, als ich meinte, aus anderen als sexistischen Gründen gewisse Dinge nicht zu können, nicht geben zu können. „Jeder Typ hat eine andere Ausrede.“ Ich denke, dass auch dieser Satz allgemein stimmt und eine großartige feministische Punch Line ist. Aber gegenüber einer depressiven Person ihre Depression als Ausrede zu definieren ist halt mehr als ein Schlag ins Gesicht, sondern eine krasse Dis-Anerkennung von Fähigkeiten und Grenzen.

Ich hatte das Gefühl, dass ich weder vermitteln kann, wie sehr ich diese Person mag – beziehungsweise dass es in gewissen Momenten klar war und in anderen nicht – noch wie sehr ich darunter leide, wenn es ihr nicht gut geht, wie sehr mich ihre Aussagen verletzen und wie schlimm meine Depressionen sind. Aus diesem Grund habe ich in einem Moment völliger Verzweiflung einen allgemeinen Text über Depressionen geschrieben, damit sie besser versteht, wie schlimm es mir ging, obwohl sie es eigentlich jeden Tag gesehen hatte. Das hat kurzzeitig auch sehr geholfen.

Ich denke, andere Männer haben leichter die Möglichkeit sich zu entsolidarisieren oder indifferent gegenüber Leiden zu sein. Ich habe diese Möglichkeit nicht. Ich habe so viel emotionale Gewalt erlebt, dass ich mich immer zu schuldig fühle, dass ich mich selbst hasse, wenn es einer anderen Person schlecht geht und sich in mir ein Protokoll abspielt, dass es besser wäre, wenn ich nicht existieren würde. Ich denke, dass ich in verschiedenen Moment darüber sprechen wollte oder auch darüber gesprochen habe, und dass das auch anerkannt wurde, wie schlimm ich darunter leide, aber immer nur bedingt. Immer nur bis ich in einem Konflikt wieder der allgemeine „Typ“ bin, der nur eine Ausrede vorbringt. Weil ich mich aber keine „sexistischen“ Ausreden benutzen wollte, habe ich meistens davon nichts mehr gesagt.

Mit ein Grund dafür war, dass mein Arzt, mein Therapeut und meine Freund*innen mich oft global gegen Sexismus Vorwürfe in Schutz nehmen wollten. Und dabei meines Erachtens auch oft eine gewisse Abwehr passierte, in dem Sinn, dass sie nicht wahrhaben wollten, dass ich eine in einer sexistischen Gesellschaft subjektive Person bin und mich sexistisch verhalte. Beziehungsweise insbesondere bei meinem Therapeuten und Arzt, dass das auch etwas für ihr eigenes Verhalten bedeutet. Erst das viel später geführte Gespräch mit der Frauen*-Beauftragten der HU hat mir geholfen diese Konstellation besser zu verstehen. Sie sagte nämlich einfach, dass ich in so einem Fall von „Ableismus“ sprechen muss. Ich benutze im Sprechen über meine Depression keine Ausrede und habe eine reale schlimme Krankheit, die mich an den Rand des Suizids treibt, und der ich weitestgehend ohmmächtig ausgesetzt bin.

Aus dieser Perspektive war es mir möglich situative Konflikt anders zu bewerten, weil eine oft unterstellte Handlungsmacht bei mir gar nicht vorhanden war. Zum Beispiel hat sie mir vorgeworfen dadurch Macht auszuüben, nicht nach draußen gehen zu können. Aber de facto stand das weitestgehend überhaupt außerhalb meiner Macht. Es war auch nicht der Versuch dadurch Privilegien abzusichern, sondern einfach Ausdruck davon, dass ich in Depressionen unglaublich Schmerzen erleide und ich oft nicht draußen gehen kann. Und das liegt nicht an einer unzureichenden Anerkennung – weil de facto habe ich niemanden so oft gesehen oder sogar teilweise noch außerhalb besucht als ich eigentlich gar nicht mehr rausgehen konnte – sondern an einer schweren Krankheit.

Was ich gefühlt habe, war eine wirkliche Art von Anerkennung meines Leidens und meiner Ohnmacht einerseits und einer Art Konstruktion absoluter männlichen Macht – in der Regel im Konfliktfall – andererseits. So als wäre es automatisch so, dass wenn sich eine Person ohnmächtig fühlt, die andere Person Macht haben müsste. Aber das Gegenteil ist wahr: Es gibt – für mich – kein schrecklicheres und ohnmächtigeres Gefühl als einer anderen Person Leid zuzufügen oder zu glauben für dieses Leiden verantwortlich zu sein. Ich finde das sollte eigentlich linksradikaler common sense sein. Aber das liegt natürlich nicht am gesellschaftlichen Geschlechterverhältnis und der Fürsorglichkeit von Männern allgemein, sondern auch an meiner spezifischen biographischen Gewordenheit.

In jeden Fall denke ich, dass sich Situationen oft so konfiguriert haben, dass die andere Person durch Angst oder Verunsicherung eine im Kern selbstverletzende Aussage trifft, die mich aber ungleich mehr trifft und betroffen macht. Statt dann den erwarteten Widerspruch zu sagen, (Du bist doch total schlau! Ich liebe Dich und will mit niemand andren zusammen sein) ereignet sich eine Dissoziation und mein depressiv-suizidales Protokoll, was wiederum ihre selbst-verletzende Aussage bekräftigt. Aus meiner depressiven Perspektive ist es allerdings eine Art Privileg wütend zu werden, und so seine Ängste ohne Verletzlichmachung gewaltvoll zu artikulieren. Egal wie unfähig und minderwertig ich mich in dieser Beziehung wegen meiner Depressionen gefühlt habe, ich habe nie gesagt: „Du findest mich nicht interessant und wartest nur darauf bis Du eine gesündere Person triffst.“ Ich habe einfach immer wieder gefragt: „Findest Du mich überhaupt interessant? Bin ich nicht eigentlich schon tot?“ Und natürlich verbunden mit schlimmen Schuldgefühlen, weil ich „nie etwas machen“ kann und „immer zu wenig gebe“.

Natürlich würde ich nicht sagen, dass ich „alles falsch“ gemacht habe, auch wenn es sich manchmal für mich so angefühlt hat. Was allerdings in jeden Fall stimmt, ist, dass Männer weniger „offensichtliche Gewalt“ anwenden müssen, weil sie strukturell privilegiert sind. Das heißt die Gewalt ist verborgener und es ist scheinheilig dann nur die Gegen-Gewalt der anderen Person zu thematisieren. Auf mich hat diese Beziehung unglaublich viel emotionalen Druck ausgeübt, mich dissoziiert und depressiv gemacht. Aber das heißt nicht, dass ich nicht anerkennen könnte, dass es eine andere Art der Geschichte, in der die andere Person beständig unter meiner sexistischen Verhaltensweise/Gewalt gelitten hat. Beides kann gleichzeitig richtig sein. Den Unterschied würde ich darin sehen, dass ich immer versucht habe Verantwortung für mein Verhalten zu übernehmen und mich zu entschuldigen. Während sie sich noch nicht einmal richtig entschuldigt hat. Und auch auf meinen Wunsch eine Entschuldigung aufzuschreiben, damit ich es immer lesen kann, wenn die depressiven Gedanken mich wieder fertig machen, hatte sie damals nicht richtig reagiert, obwohl sie es schreiben wollte. Sie schien dazu meines Erachtens nie in der Lage, weil sie den Geschlechterwiderspruch als einzigen Machtunterschied anerkannt hat, obwohl der Unterschied krank/gesund unsere jeweiligen Handlungsmacht meines Erachtens teilweise viel stärker strukturiert hat.

Eine der Schwierigkeiten insgesamt darüber zu sprechen, besteht in der Beißreflex-Debatte, die dem ant-sexistischen Diskurs nachhaltig geschadet hat. Es ist eben keine „autoritäre Sehnsucht“ nicht verletzt werden zu wollen oder wütend zu werden. Dennoch muss in jedem Einzelfall individuell geschaut werden, wie berechtigt diese Gefühle und die ihnen nachfolgenden Aussagen sind. Vielleicht hat „der Typ“ eben eine Depression und kann deswegen etwas nicht tun, und nicht, weil er seine männlichen Privilegien verteidigt. Frauen* müssen auch kein idealisiertes Subjekt, sondern dürfen andere genauso verletzen und Fehler machen und Schmerzen zufügen. Allerdings muss dann meines Erachtens auch anerkannt werden, dass diese Schmerzen zugefügt wurden.

Meine Schlussfolgerung auf einer allgemeinen Ebene wäre gewissermaßen, dass Queerfeminist*innen nicht per se eine gute anti-ableistische Praxis haben müssen, genauso wenig wie Personen mit Depressionen besonders gute anti-sexistische Praxis haben müssen. Im Zweifelsfall wird es sogar jeweils schwieriger, gerade weil z.B. eine Depression zur Dissoziation von den eigenen Gefühlen führt und damit der Verstand zum „last ressort“ der Verteidigung wird. Wo der männliche Phallogozentrismus aufhört und wo die legitime Selbsterhaltung durch Diskurs anfängt, scheint mir nur schwer zu bestimmen. Auch dieses Text-Schreiben ist ja noch das Substitut für unerträgliche Schmerzen, die ich kaum artikulieren kann. Angst. Verzweiflung. Wut. Schmerzen. Tod.

Einer der zentralsten Aspekte ist dabei, das Gefühl, dass meine Gefühle „nicht zählen“. Dass wenn ich über Verletzungen gesprochen habe, diese teilweise als Abwehr von Sexismus-Vorwürfen ausgelegt wurden. Ich denke, dass ich dann einerseits wegen meiner Depression, in der ich mich selbst weniger fühle, mir nicht mehr sicher bin, ob es richtig ist, was ich fühle. Und dass andererseits ich wegen meinen Gewalterfahrungen mich nicht richtig traue konfliktuelle Gefühle zu thematisieren oder mich dafür selbst stark sanktioniere.

Das hat dazu geführt, dass ich, als ich einmal am Rande des Suizids stand, in einer Email aufgeschrieben habe, wie emotional gewaltvoll vieles für mich war. Woraufhin sie zunächst antwortet, dass ich „obskur“ und „frech“ wäre, was mich unglaublich hart getroffen hat und ich dann schließlich eine wirklich ausführliche Email geschrieben hatte, um zu sagen, wie krass das alles für mich ist. Diese Email finde ich nach wie vor sehr gut, gleichzeitig über die eigenen Emotionen sprechend und nicht angreifend. Ich erlebte allerdings eine Zuspitzung meiner depressiven Gedanken und Ängste, und der depressive Signifikant „Sexismus“ begann noch stärkere Sexismusvorwürfe zu produzieren – insbesondere Vergewaltigungsvorwürfe. Ich konnte deswegen überhaupt nicht mehr nach draußen gehen, weil die Gedanken dort zu stark und beherrschend wurden, und habe sie dann irgendwann angerufen, um zu fragen, ob es so war – was sie direkt verneint hat – weil die Depression meine Gedanken wirklich so weit deformiert hatten, dass ich davor Angst hatte, dass sie mir das vorwerfen würde. Und diese Gedanken kommen in Depressionen tatsächlich auch immer wieder. (Ich will ihre emotionalen Druckausübungen verstehen und kann das in der Depression nur damit erklären, dass ich daran Schuld bin. Und weil die Druckausübungen so schlimm waren, muss mein Verhalten logischerweise auch richtig richtig schlimm gewesen sein. In anderen, besseren Momenten kann ich sagen, dass es mehr an ihren allgemeinen Ängsten und Unsicherheiten lag. Und dass ich nicht daran Schuld bin.)

Ich denke, dass nach dieser Email und dem erneuten persönlichen Kontakt eigentlich vieles geklärt werden konnte, aber die Dynamik insgesamt unverändert war und trotz Aussprache und trotz dem Anerkennen, dass meine Liebe aufrichtig und mein Leiden unter Depressionen genuin ist, genau die gleichen Vorwürfe wieder passierten. Und ich wieder genau so schlimm ohnmächtig war und nichts tun konnte, und irgendwie immer nur beweisen wollte, dass es doch nicht stimmt; dass ich sie liebe; dass ich sehr schlimm leide.

Natürlich frage ich mich heute, warum ich mich darauf noch einmal eingelassen habe. Ich denke, es gibt dafür zwei wesentliche Gründe. Einmal, dass ich die Person wirklich geliebt habe, und dass es mir immer noch so schwer vorstellbar erscheint, dass sie das nicht gewusst hat. (Vorher dachte ich, es läge an meinem Sexismus. Dann dachte ich es läge daran, dass sie nicht wusste, dasss ich sie liebe). Ich dachte also, dass das Problem nur eine Frage der Kommunikation sei. Und dann natürlich, dass ich schwer depressiv war, und die Aussprache meine unerträglichen Schuldgefühle gemildert haben. Ich denke, dass ich spätestens aber zu diesem Zeitpunkt so klar aufgezeigt hatte, dass ich sehr stark leide, dass der Grund, dass ich gewisse Bedürfnisse nicht erfüllen kann, nicht primär in meinem Sexismus liegt und dass ich auch in einer starken Weise ihrer Macht unterliege.

Ich denke insbesondere Hetero-Liebesbeziehungen unterliegen natürlich der gesellschaftlichen heteronormativ-heterosexistischen Matrix. Aber sie gehen darin nicht auf. Das Private ist politisch, aber es ist nicht das Politische. Insbesondere wenn es um Liebe geht, ist das Machtverhältnis ultra komplex und ich würde sagen, dass ihre Worte mindestens genauso viel Macht über mich hatten, was sich alleine schon daran zeigt, dass ich gewisse Sätze, die mir weh tun, nur ganz schwer aus meinem Kopf heraus bekomme bzw. diese Sätze mit meinen Depressionen verbunden sind und immer wieder kommen. Meine durchschnittlichen Suizidgedanken sind ein Schuss in den Kopf – sozusagen das auch physische Ende der depressiven Gedanken. Wenn ich jedoch in den depressiven Strudel dieser „Sexismus“-Schuldgefühle gerate, dann stelle ich mir den Suizid als Aufschneiden meiner Pulsadern vor, einfach um mein Leiden besser sichtbar zu machen. Damit es endlich anerkannt wird.

Wenn ich mich im Denken genug von all dem distanzieren kann, dann würde ich sagen, dass sie Verlustängste und intellektuelle Unsicherheit teilweise in einer brutalen Weise bei mir ausgelagert hat. Aber nicht indem darüber gesprochen wird, und darüber, wie wir diese Ängste und Unsicherheiten abbauen können, sondern immer im Modus einer Anklage. Einer Anklage, die mich bis meine traumatischen Erfahrungen hinein erschüttert hat. Eine Anklage, die mich monatelang depressiv und suizidal gemacht hat. Dazu ein Abwehrschild aus Sexismus-Vorwürfen, die es sehr schwer gemacht haben, überhaupt über meine Depressionen zu sprechen und schließlich erst durch die Veröffentlichung eines Textes das überhaupt richtig anerkannt wurde.

Ich anerkenne, dass es dabei keine bösen Absichten gab, sondern die starke Verliebtheit zu einem Ohnmachtsgefühl geführt hat, das zusammen mit intellektueller Unsicherheit und einer umfassenden Phallogozentrismuskritik zur einer Auslagerung von schlechten Gefühlen führen sollte. Auf mich wird absolute Handlungsmacht projiziert und dann bekämpft, obwohl es mir doch selbst so übermäßig schlecht geht. Wie soll ich das denn können? Oder erfüllen? Und wäre es dann nicht richtig zu sagen: Du kannst mir nicht das geben, was ich brauche. Anstatt zu sagen: Du warst eh nur mit mir zusammen um mit mir zu schlafen. Und dann in dem Gefühl der verletzten Liebesgefühle auch noch zu sagen, dass es „eine Ironie der Geschichte wäre, wenn sie sich vor mir umbringt“.

Ich verstehe diese Aussage als Teil von Liebeskummer und schlimmer Eifersucht, und weiß, dass es auch im Spaß gesagt war. Aber es ist irgendwie trotzdem so eine krasse Parallelisierung und Trivialisierung meiner Depressionen und Suizidzustände. Und ich meine, sie wusste doch, dass meine Traumatisierung damit zu tun hat, dass ich als 10 jähriges Kind die Verantwortung für eine suizidale Person übernehmen „musste“. Dass die Dissoziation von meinen Gefühlen ursprünglich die Funktion hatte, als Seismograph die primäre suizidal andere Person, vor einem Suizid zu bewahren. Wie kann sie das einfach so sagen? Und dann als wir vereinbart hatten, dass wenigsten eine jeweilige Freund*in nach der anderen Person schaut, das nicht machen? (Weil das hätte mich doch zumindest unglaublich beruhigt.).

So als wäre die enttäuschte Liebe und die Eifersucht auch das Ende jeglicher Solidarität. (Und über all diese Sachen hatten wir ja schon bei unserer Trennung als Liebesbeziehung gesprochen. Dass es gut wäre eben einer anderen Person zu sagen, wie es mir geht und dass sie einmal nach mir schaut.) Ich habe dieses Privileg nicht. Ich habe im Prinzip nicht das Privileg eine „Dramatik“ von Liebesbeziehungen durchzuspielen. Ich bin dazu gezwungen mich damit auseinander zu setzen, was mein Suizid für andere bedeuten würde. Was passiert im Fall meines Suizids, welche schlimmen Schuldgefühle löse ich damit aus? Und ich habe auch teilweise deswegen versucht immer wieder die ganze Verantwortung zu übernehmen. Weil ich davon überzeugt war, dass ich das letzte Jahr nicht überlebe.

Ich war im wortwörtlichen Sinn bereit mich vorher zu suizidieren, bevor ich Vorwürfe mache, einfach, weil ich dachte, dass der Suizid passiert und dass das vorher artikulierte mit dem Suizid ein viel zu starkes Gewicht hätte. Ein überlebensgroßes Gewicht. Ein Gewicht für eine andere Person, für das ich nicht Verantwortung übernehmen kann. Aber ich hätte es gerade deswegen machen müssen, weil mich das Gewicht fast erdrückt hätte und ein Sprechen darüber das Gewicht vielleicht gemindert hätte. Ein klärendes Gespräch. Ein Gespräch, in dem ich weinen kann. In dem sie endlich meine Verletzungen sieht, weil ich nicht mehr vollkommen im Bannkreis ihrer Emotionen stehe. Ein Gespräch, in dem ich um Verzeihung flehe, weil es mir so schlecht geht. In dem ich bitte: bitte Verzeih mir. Ich habe Dich aufrichtig geliebt. Es gibt in meinen Leben keine größere persönliche Katastrophe als das Scheitern unsere Kommunikation.

Ich denke, es ist so wichtig gut über Bedürfnisse und Fähigkeiten zu sprechen. Und auch als Konflikt darüber zu sprechen. Aber auch anzuerkennen, wenn Andere etwas nicht können. Und dass das nicht die Liebe oder die Anerkennung mindert. Sondern nur der Ausdruck von Grenzen und Schmerzen ist. Ich habe in den 7 Monate fast nichts anderes gemacht, als nur verstehen zu wollen, wer sie ist und was sie braucht, und was ich falsch mache. (Wenn ich zu der Zeit sie gegenüber politischer Arbeit oder Theoriearbeit oder Freund*innen vernachlässigt hätte, dann würde ich mir viel schlimmere Vorwürfe machen. Aber weil sie sagte, dass meine Zuneigung zur Philosophie eh ein männliches ein Privelg sei, wollte ich auch längere Zeit überhaupt nicht mehr Theorie machen.) Ich weiß nicht, war das wirklich so wenig sichtbar? Haben wir nicht fast jeden Abend zumindest telefoniert, wenn nicht rausgehen konnte. Gesprochen, uns gegenseitig vorgelesen. Einander verstanden, in einer Welt, die so kalt, bedürfnisfremd und verständnislos ist. Einander bestärkt in den Wahrnehmungen gegenüber dieser Welt. Ein wirkliches Verständnis erreicht? War das alles wirklich nicht da?

Und warum sind mediierte Gespräche in der radikalen Linken keine gängige Praxis, wenn es einer Person so schlecht geht? Warum konnte sie nicht wenigsten die schlimmsten Vorwürfen zurücknehmen? Warum hat keine ihrer Freund*innen mir geholfen? Es hätte mir so sehr geholfen, wenn einfach irgendjemand* die schlimmsten Sexismus-Vorwürfe zurückgenommen hätte. Um meine Schuldgefühle und Depression zu mindern. Und ich wünsche mir einfach immer noch so sehr, dass sie sich eines Tages bei mir entschuldigt. Natürlich würde ich mich jederzeit für alles entschuldigen, was ich falch gemacht habe. Besonders für jegliches sexistisches Verhalten natürlich. (Es geht mir auch überhaupt darum Recht zu haben, oder wer wen mehr verletzt hat, und ich bin bereit überall anzuerkennen, dass ich mich täusche). Aber ich wünsche mir schon, dass sie anerkennt, dass nicht einfach nur alles mein Sexismus war. Dass sie anerkennt, dass sie mich auch schwer verletzt hat. Sie anerkannt, dass ich sie geliebt habe. Sie anerkennt, dass ich alles mir möglich versucht habe. Dass ich alles für sie gemacht hätte. Dass ich Angst vor ihr hatte. Angst vor ihren Ausbrüchen, vor ihren Urteilen über mich. Dass ich davor immer noch Angst habe. Davor etwas gegen sie zu sagen. Dass ich sogar versucht habe zu sterben bevor ich das hier aufschreibe. Dass ich das nicht aus Spaß mache, sondern weil mir die Depressionen so weh tun.

Ich finde Liebeskummer im Vergleich fast ein schönes Gefühl. Die Sehnsucht nach der Alterität der anderen Person. Diese unendliche Traurigkeit nicht miteinander sprechen zu können. Nicht in dieser Weise verstanden zu werden. Nicht in dieser Weise zu verstehen. Die unendliche Einsamkeit einer* linken intellektuellen Person nicht miteinander teilen zu können. Die Trauerarbeit über das Bestehende nicht zusammen bewältigen zu können. Sich Trost und Verständnis zu spenden. Vielleicht ist das zu wenig für eine Liebesbeziehung. Aber „Verständnis als Praxis“ scheint mir in dieser Welt eines der schönsten und wertvollsten Gefühle überhaupt zu sein.

Wo geht es hier zum Gesinnungskorridor? Anmerkungen zu einem falschen Antagonismus

Im Feuilleton wird über das Streitgespräch zwischen Durs Grünbein und Uwe Tellkamp geschrieben. Warum eigentlich und lässt sich dazu überhaupt etwas Interessantes sagen? Ist es überraschend, dass es rechte Schriftsteller gibt, oder dass sie auf AfD-Level von „95 Prozent der Migranten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung. Sie wandern in die Sozialsysteme ein.“ diskutieren können?

Über kein anderes Thema wird in Deutschland so obsessiv diskutiert wie über Geflüchtete*, bestenfalls Flüchtlingspolitik. Trotzdem gibt es nach Tellkamp einen „Gesinnungskorridor“. Er ist nicht darüber traurig, dass er nichts mehr sagen darf, sondern dass wenn er das öffentlich tut, ihm widersprochen wird. Am besten lässt sich so etwas vor 700 Menschen sagen, die ihm regelmäßig zu klatschen. Eigentlich wünscht er sich Respekt und Anerkennung, und ist empört, dass er von den Kosmopolet*innen abschätzig behandelt wird.

Sein Gegenüber Durs Grünbein spielt den Kosmopoleten gerne, er will, dass Dresden mehr mit Kunst als Pegida verbunden wird und sieht die Flüchtlingspolitik als „Ruhmesblatt“ [sic!] für Deutschland. (Bei Ruhmesblatt denke ich an Sigmar Gabriels Freude über den Deal mit Erdogan zur Freilassung von Deniz Yücel). Über den Unterschied zwischen rechts und links will er nicht mehr sprechen, das wäre doch im 20. Jahrhundert schon genug passiert, und die Antifa mache auch nur Unsinn. Einmal kommt er in Bezug auf die Essener Tafel fast dahin so etwas wie soziale Frage zu sagen, aber dann entscheidet er sich dezidiert nicht darüber zu sprechen.

Danilo schreibt über einen Teil seiner Performance: „Wenn es hart auf hart kommt, steht nicht nur zu befürchten, dass solche Zombieansprachen den Rechten keinen einzigen Wähler abspenstig machen, sondern ihnen sogar neue Sympathisanten in die Arme treiben. Hier ist eine Generalüberholung einer gewissen liberalen Bourgeoisie fällig, das ideologische Defizit – wie man als Weltanschauung so rüberkommt – und die Verknöcherungserscheinungen in der Haltung nehmen allmählich befremdliche Ausmaße an.“

Was passiert noch? Götz Kubitschek hat sich im Publikum versteckt und will einen als Frage getarnten Redebeitrag lancieren: „Du Uwe, meinst Du nicht auch, dass wir den Riss vertiefen müssen?“ Was ist der eigentliche Einsatz dieses Beitrags, in dem es irgendwie um die „Frauen“-Helfer*innen des Antaios-Verlags geht, die er wegen Antifa nicht mehr mit zur Buchmesse nehmen könne? Kubitschek dekonstruiert performativ die Vorstellung eines „Neurechten Intellektuellen“. Er zeigt sich als organischer Bewegungs-Politiker, der Verbindungen baut. Aber auch das war klar, wenn man sich z.B. Kubischeks Texte in den Sezession anschaut.

Wie verläuft die Diskussion darüber? Ulf Poschardt sagt etwas Dummes. „Aber während der Intellektuelle nach 1945 entnazifiziert werden musste, wird nun breit nazifiziert.“ Wurde Tellkamp eigentlich überhaupt als Nazi bezeichnet, abgesehen davon, dass der Vergleich abstrus ist, weil es ja eine Diffamierung als „Nazi“ ja keine Schulung zum Nazi ist? Linksliberale sehen Poschardts Beitrag kritisch, freuen sich wie Tobias Rapp aber doch auch darüber, dass es mehr Streit gibt – auch im Parlament mit der AfD sind die Debatten ja so spannend jetzt. Vielleicht war ihnen vorher langweilig.

Was ist das Ungesagte im Kulturpalast? Naja es gibt eine rechte und eine liberale – aber keine linke Position auf dem Podium. Irgendwie ist „Humanismus“ der sich über „Ruhmesblätter“ freut momentan das Höchste der Gefühle. Es wird noch nicht einmal am Rande über Fluchtursachen, über Waffenlieferungen in Kriegsgebiete und neo-koloniale Ausbeutungsverhältnisse gesprochen. Auch das ist nichts neues.

Die Rede von einem Gesinnungskorridor in Tellkamps Sinn ist falsch, aber natürlich gibt es Hegemonieverhältnisse, in denen Meinungen über- und unterrepräsentiert werden. Die Meinungen der Rechten werden allerdings eher überrepräsentiert, auch wenn ihnen oft ein bürgerliches Pendant zur Seite gestellt wird, dass ihre „Pöbelhaftigkeit“ herausstellt. Beide Seiten bearbeiten die Konstruktion des Antagonismus „altersschwache Liberale/stumpfe Rechte“ irgendwie gerne und fleißig. (Bei Trump vs Clinton in Vollendung)

Vielleicht wollen diese Liberalen auch mehr Diskussion, weil sie eigentlich gerne mit Rechten reden, und sich danach besser fühlen? Eine Selbstvergewisserungs-Praxis, wo die andere Position dumm genug ist, dass man sich danach fast immer erhaben fühlt. Oder vielleicht auch, weil sie ohnehin nichts Anderes tun müssen, als mit Rechten reden. Weiße Männer, die Texte schreiben, noch nie antirassistische Arbeit gemacht haben und ohnehin keine Angst vor rassistischen Übergriffen haben müssen, sagen, man braucht keine Angst vor der AfD haben. OK. Irgendwie werde ich dann doch kurz wütend. Dass es bei rassistischen Übergriffen durch Rechte zuletzt keine Toten gab, ist doch eher Glück als Ausdruck einer „Diskussionskultur“.

Politischen Diskussionen sind in Deutschland eher tot, und die Diskussion von Grünbein und Tellkamp zeigt das eher, als dass sie ein großartiger Debattenanstoß wäre. Über was wird denn jetzt geredet? Rechte reden über den Gesinnungskorridor und Liberale darüber mit Rechten zu reden, Ulf Poschardt möchte Arbeiter*innen-Literatur. Womit er wahrscheinlich tatsächlich das weiße Industrieproletariat meine könnte, dass in Deutschland kein*e Linke seit 30 Jahren meint, aber worauf die ganze Zeit hingewiesen werden muss, dass es nicht gemeint ist, weil es eigentlich ja doch irgendwie gemeint ist. Linke reden richtigerweise über den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der Türkei und das drohenden Massaker (den drohenden Genozid) in Afrin. Ich fordere ein Antira-Praktikum für die MRR-Fanboys. Ich finde, wenn sie Geflüchteten-Unterkünfte vor Brandanschlägen schützen, dürfen Liberale so lange mit Rechten reden wie sie wollen. Vielleicht würde das dieser Debatte ja helfen?